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Einmal so viel Spaß haben wie Stockfoto-Menschen beim Zähneputzen, das ist mein Traum. Ob das mit plastikfreier Zahnpflege gelingt? Bild: www.imago-images.de / Kniel Synnatzschke

Plastikfrei Zähneputzen: Umweltfreundlich heißt nicht unbedingt zahnfreundlich

Der Eine springt nach dem Klingeln des Weckers sofort ekstatisch aus dem Bett, der Andere snoozt mindestens eine halbe Stunde, bevor er die Motivation aufbringt, sich aus den Laken zu quälen. Die Eine beginnt den Tag mit Yogaübungen, für die Andere ist es schon ein Erfolgserlebnis, verschlafen ein passendes Paar Socken aus dem Schrank gezogen zu haben. So unterschiedlich wir unseren Tag auch beginnen, in einem sind wir (hoffentlich) alle gleich: Bevor wir das Haus verlassen, putzen wir uns die Zähne.

Wie und womit wir uns die Zähne putzen, da scheiden sich allerdings wieder die Geister. Denn in der Kosmetikindustrie ist Plastik inzwischen – völlig zurecht – verpönt, ob in Form der Plastikverpackung oder in Form von Mikroplastik in den Produkten selbst. Und so ploppen in den Regalen der Drogerien und Biomärkte zwischen den klassischen Zahnpastatuben immer mehr natürliche Zahnpulver in nachfüllbaren Schraubgläsern, Zahntabletten zum Kauen und Pasten in plastikfreien Tuben auf.

watson hat vier solcher Produkte getestet. Ist Naturkosmetik wirklich umweltfreundlicher und schonender für unsere Zähne? Und worauf kommt es bei der Zahnpflege überhaupt an?

"Die zwei wichtigsten Faktoren eines Zahnpflegemittels sind aus zahnmedizinischer Sicht die Putzkörper, welche zwar die Plaque lösen, dabei aber nicht die Zahnhartsubstanz oder das Zahnfleisch schädigen dürfen, und das Fluorid, welches als aktiv wirksamer Inhaltsstoff die Entkalkung (Demineralisation) der Zahnhartsubstanz erschwert, die Verkalkung (Remineralisation) beschleunigt und zu einem gewissen Teil auch antibakteriell wirkt", erklärt mir Christian Sternat aus dem Vorstand des Deutschen Zahnärzte Verbands e.V. "Der Rest sind Zusatzstoffe, die ein Zahnpflegemittel in Geschmack, Haptik oder Lagerung verbessern oder denen ein Zusatznutzen zugeschrieben wird, die aber allesamt nicht statistisch signifikant sind."

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Statt klassischer Zahncreme kamen bei mir in den vergangenen Monaten zwei Zahnputzpulver, eine Paste und Zahnputztabs auf die Bürste. bild: watson

Fluorid ist also wichtig. Das weiß ich jetzt – nicht aber damals, als ich meine Testprodukte kaufte. Dementsprechend verwirrend war auch die Tatsache, dass einige der natürlichen Zahnpflegeprodukte damit werben, Fluorid zu enthalten, andere aber explizit damit, ohne Fluorid auszukommen. Denn Fluorid wurde in der Vergangenheit teilweise als gesundheitsschädlich oder gar giftig diskutiert. Stiftung Warentest stellte aber fest: In den Mengen, in denen wir Fluorid beim Zähneputzen zu uns nehmen, ist es völlig unbedenklich.

So viel zur Theorie. Aber wie machen sich die plastikfreien Pulver, Tabs und Pasten in der Praxis? Ran an die Zahnbürste und losgeputzt.

Zahnpulver von Birkengold

Auf das Zahnpulver von Birkengold stoße ich im Unverpacktladen. Es ist fein, es ist weiß, es duftet wie ein Rosengarten im Morgentau. Naja, wie ein mit Eukalyptus-Morgentau überzogener Rosengarten. Feuchte Zahnbürste reindrücken und losputzen. Denkbar simpel also und der leichte Rosengeschmack ist beim Putzen auch ganz angenehm. Etwas ungewohnt ist allerdings, dass ich sonst gefühlt nichts im Mund habe – keine Spur von dem Schaum, der bei der klassischen Zahnpasta entsteht. Werden die Zähne trotzdem sauber, auch wenn ich gefühlt nur mit Spucke putze?

Dabei habe ich ja durchaus was im Mund: Die vegane und zertifizierte Naturkosmetik besteht – wie der Name schon vermuten lässt – aus dem Birkenzucker Xilit, dazu kommen Calciumcarbonat und ätherische Öle. Birkenzucker soll besonders gut für die Zähne sein und kann zum Backen verwendet werden wie normaler Zucker, enthält aber 40 Prozent weniger Kalorien und ist von Natur aus zuckerfrei.

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Das Xilit in der Zahnputz-Variante gibt es für 4 Euro pro 30- Gramm-Glas, das soll für 100 Mal Zähneputzen reichen. Das Pülverchen ist damit das günstigste der von uns getesteten Produkte. Wenn das Schraubglas leer ist, kann es über den großen Nachfüllpack oder in Unverpacktläden nachgefüllt werden. Das gibt extra Nachhaltigkeitspunkte.

Das sagt der Zahnärzteverband

"Das Fluorid fehlt hier in Gänze, daher ist das Produkt aus meiner Sicht nicht empfehlenswert", sagt Christian Sternat. Hinzu komme, dass das enthaltene Calciumkarbonat als Putzmittel relativ scharfkantig sei.

Fazit

Natürlich, günstig und plastikfrei ist das Pulver – aber was nützt das, wenn sich die Zähne weder besonders gut geputzt anfühlen, noch dauerhaft geschützt werden? Ziemlich wenig – mehr als zwei von fünf Nachhaltigkeitskatzen sind deshalb nicht drin.

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Kautabletten von Denttabs

Erst kauen, dann putzen, das ist die Devise von Denttabs. Statt als Creme oder Pulver kommt die Zahnpaste hier in Form von kleinen Pastillen daher, die im Mund zerkaut werden, bevor es mit dem eigentlichen Putzen mit der Zahnbürste losgeht. "Mit Denttabs werden die Zähne streng genommen nicht geputzt, sondern durch feinste Mikrozellulose auf natürliche Weise glatt poliert", schreibt das Unternehmen auf seiner Website.

125 Tabletten kosten 6 Euro, den 10.000er-Pack gibt es für 360 Euro – die Tabletten können Zero-Waste-Style im Unverpacktladen nachgefüllt werden. Auch die kleineren Tütchen sind aus kompostierbarer Maisstärke und können im Biomüll entsorgt werden. Die Tabletten selbst bestehen hauptsächlich aus Zellulose und anderen natürlichen Inhaltsstoffen, sind vegan und tragen das Cosmos-Siegel des BDIH für kontrollierte Naturkosmetik.

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Die Jury des deutschen Nachhaltigkeitspreises haben die Tabs damit überzeugt, mich allerdings nicht: Ich empfinde den Geschmack als zu scharf und unangenehm seifig, beim Zerkauen setzen sich die Brösel außerdem vor allem an den Zähnen fest, mit denen ich die Tablette zerbissen habe und bleiben dort hängen. Ob da auf der anderen Seite genügend Reinigungsschaum ankommt? Alles in allem ist das Putzen mit den Tabs eine leicht sabbrige Angelegenheit, die ich lieber schnell hinter mich bringe. Oder gleich ganz bleiben lasse.

Auf Reisen könnten die Zahnputztabletten allerdings ganz praktisch, weil platzsparend sein: Wer ein Wochenende wegfährt, muss nur vier Mini-Tabletten einstecken. Vor meinem Auge ploppen allerdings direkt Bilder von der Gepäckkontrolle am Flughafen auf und davon, wie ich schweißgebadet erkläre, dass es sich bei den weißen Pillen lediglich um harmlose und alles andere als berauschende Zahnputztabletten handelt. Ein Glück, dass wir unseren Urlaub in diesem Jahr sowieso in Bayern oder Brandenburg verbringen werden.

Das sagt der Zahnärzteverband

"Die Tabs enthalten Zellulose als Putzkörper und Fluorid und sind deshalb als klassischer Zahnpasta-Ersatz durchaus geeignet", sagt Christian Sternat. Verschiedene Studien hätten zudem die Wirksamkeit der Tabs bewiesen.

Fazit

Umweltfreundlich und gut zu den Zähnen sind die Tabs. Spaß machen sie (mir) aber trotzdem nicht. Die Folge: Die Tabs liegen seit Monaten in meinem Badezimmerschrank und werden nicht weniger.

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Zahncreme von Ben & Anna

Von allen getesteten plastikfreien Zahnpflegeprodukten erinnert die natürliche Zahncreme von Ben&Anna am ehesten an eine klassische Zahnpasta – mit dem Unterschied, dass sie statt in der Plastiktube im Schraubglas kommt. Und dass ihre Konsistenz deutlich zäher ist, ein bisschen so wie ziemlich fester Honig. Mit einem Holzspatel findet sie den Weg vom Glas auf die Zahnbürste. Und mit eben dieser im Mund stellt sich dann zum ersten Mal das gewohnt schäumende Zahnputzgefühl ein.

Das Minzaroma ist kräftiger als bei den anderen Testprodukten, der Atem fühlt sich nach dem Putzen frischer, die Zähne sauberer an. Ob das tatsächlich der Fall ist oder ich mir das nur einbilde, weil ich beim Zähneputzen merke, dass ich da tatsächlich etwas Reinigendes mit der Zahnbürste hin und her reibe, weiß ich nicht. Fest steht aber: Wann immer ich in den vergangenen Monaten ein Date hatte, habe ich mich für diese Zahncreme entschieden. Sicher ist sicher.

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Den Frischekick gibt es für 7 Euro pro 100 Milliliter, im Glas ist wieder vegane zertifizierte Naturkosmetik ohne Mikroplastik, die in der von mir gewählten Variante sogar noch für weißere Zähne sorgen soll. Im Gegensatz zu den anderen Produkten kann die Creme aber nicht einfach wieder aufgefüllt werden, es muss jedes Mal ein neues Glas gekauft werden – das dann noch einmal in einer Kartonverpackung daherkommt. Dadurch entsteht zwar kein Plastikmüll, Energie und Ressourcen braucht das aber natürlich trotzdem. In Sachen Nachhaltigkeit gibt's also noch Verbesserungsbedarf.

Das sagt der Zahnärzteverband

Positiv hebt Christian Sternat vom Deutschen Zahnärzte Verbands e.V. hier hervor, dass es sich um eine Zahncreme mit Fluorid handelt. Das enthaltene Calciumcarbonat sei mikroskopisch aber sehr scharfkantig und daher als Putzkörper nicht unbedingt der "Sanfte". Sein Urteil: "Mit Vorsicht betrachten. Gerade als Whitening-Produkt gehe ich von einer besonders aggressiven Paste aus."

Fazit

Damn it, schon wieder ein Haken. Meine Zahnärztin verkauft die Zahncreme zwar selbst und auf Nachfrage wurde sie mir bei der Prophylaxe auch empfohlen. Auf Dauer könnte sie aber tatsächlich zu aggressiv sein.

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Zahnpulver von Teethlovers

Das Zahnpulver von Teethlovers – ich habe die Geschmacksrichtung Pfefferminze-Zitrone gewählt – ähnelt dem von Birkengold stark, kostet mit 8 Euro pro 30 Gramm allerdings das doppelte. Dafür ist das Aufbewahrungsglas deutlich stylischer – auch wenn das bei der Zahnpflege natürlich nicht die Nummer-1-Prio sein sollte, ich weiß.

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Auch hier heißt es wieder: 100 Prozent natürlich, vegan und ohne Fluorid, diesmal allerdings ohne offizielles Naturkosmetik-Siegel. Dafür soll für jeden Kauf ein Baum gepflanzt werden. Und da man sein Gläschen im Unverpackt-Laden einfach wieder auffüllen kann, eignet es sich hervorragend für den Zero-Waste-Alltag. Geschmacklich finde ich das Pulver übrigens einen Ticken erfrischender und leckerer als das andere Zahnpulver. Trotzdem kommt nach ein paar Stunden wieder das Gefühl auf, dass sie Zähne nicht mehr ganz sauber sind und sich langsam Ablagerungen bilden.

Das sagt der Zahnärzteverband

Das Fehlen von Fluorid zur Stärkung des Zahnschmelzes und die gleichzeitige Verwendung des relativ aggressiven Calciumkarbonats wird bei diesem Pulver ebenfalls kritisiert. Auch hier lautet deshalb das Urteil des Deutschen Zahnärzte Verbands: nicht empfehlenswert.

Fazit

Same same but different: auch das zweite Zahnpulver hat deutliche Schwächen – schade!

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Und jetzt? Weitersuchen!

Ein bisschen ernüchternd ist das Ergebnis meines Tests schon. Alle getesteten Produkte wurden aus natürlichen Zutaten hergestellt, in Europa produziert, plastikfrei verpackt – und haben dann doch ihre Schwachstelle. Die gute Nachricht: Es gibt noch eine Menge anderer plastikfreier Zahnputzalternativen da draußen, die es zu testen gilt. Und vielleicht haben die Tabs auch eine zweite Chance verdient. Manchmal dauert es eben eine Weile, bis man sich von alten Gewohnheiten gelöst hat. Gilt fürs Snoozen genauso wie fürs Zähneputzen.

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