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Thomas Müller sitzt bei den Bayern derzeit nur noch auf der Bank. Bild: imago images / Sven Simon

Analyse

Kovac erniedrigt Müller – jetzt soll sich der Spieler entschieden haben

Nach "Oans, zwoa, g'suffa" war den Profis des FC Bayern am Sonntag auf dem Oktoberfest nicht zumute – Katerstimmung gab es trotzdem. Nach dem fulminanten 7:2-Sieg gegen Tottenham in der Champions League gab es eine bittere 1:2-Niederlage gegen die TSG Hoffenheim. Einen Tag danach lächelten die Bayern-Stars zwar brav mit Maß in Lederhose, Trachtenhemd und Janker vor dem legendären Käferzelt auf der Wiesn. Doch hinter der Fassade bröckelt es.

Besonders ein Spieler ist derzeit richtig gefrustet: der Ur-Bayer, Publikumsliebling und ehemalige Stammspieler Thomas Müller. Nun soll es erste Konsequenzen geben: Wie die "Sport Bild" am Mittwoch berichtet, soll der 30-Jährige vom FC Bayern nun die Freigabe im Winter. Das Thema soll bereits in dieser Länderspielpause angegangen werden.

Thomas Müller nur noch Notlösung

Publikumsliebling Müller saß gegen Hoffenheim zum fünften Mal in Folge nur auf der Bank. Erst in der 60. Spielminute bei 0:1-Rückstand schickte Bayern-Trainer Niko Kovac den Offensivspieler auf den Platz. Zwar bereitete Müller den zwischenzeitlichen Ausgleichtreffer durch Robert Lewandowski vor, doch trotzdem verschwand der 30-Jährige keine 20 Minuten nach Abpfiff aus dem Stadion und teilte der wartenden Presse nur mit: "Nothing to say, wie die Engländer sagen."

Vor dem Spiel hatte Niko Kovac mit einem Nebensatz indirekt verraten, in welcher Rolle er den ehemaligen Heilsbringer Müller sieht: "Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen", sagte der Bayern-Trainer zu Sky. Heißt: An Gnabry, Coutinho, Coman und natürlich Goalgetter Lewandowski gibt es für Notlösung Mülller kein Vorbeikommen. Für den Weltmeister und Bayern-Helden nicht weniger als eine Erniedrigung.

Müller lebte schon immer davon, dass ein Trainer auf ihn und seine ganz speziellen Fähigkeiten stehen muss: Er ist nicht schneller, nicht athletischer und auch nicht dribbelstärker, als andere Spieler auf seiner Position, sondern besticht vor allem durch seine Fähigkeiten richtig zu stehen und Räume für seine Mitspieler aufzureißen. Die Flügelspieler Gnabry und Coman sind flotter auf den Außen, als Müller, der vor allem für seine Raumdeuter-Fähigkeiten von ehemaligen Bayern-Trainern geschätzt wurde. Bei Königstransfer Coutinho in der Mitte verspricht sich Kovac wohl mehr Zauber-Momente, die den Unterschied ausmachen können, als beim Ur-Bayer. Ein Spiel mit beiden Stars in der offensiven Mitte auf der Acht und der Zehn hatte Kovac schon als zu risikoreich beschrieben.

Für Müller ist es jedoch nicht das erste Mal, dass er bei seinem Jugendverein, für den er seit 2000 spielt, infrage gestellt wird: Bereits unter Carlo Ancelotti war Müller zwischen 2016 und 2017 gefrustet und er kritisierte, dass seine Qualitäten offenbar nicht mehr benötigt werden. Zu einem Wechsel kam es trotz zahlreicher Angebote jedoch nie. Nachdem sich Müller unter dem Ancelotti-Nachfolger Jupp Heynckes wieder zur Stammkraft mauserte, war er auch unter Kovac in der vergangenen Saison nicht aus dem Team wegzudenken: Müller kam auf insgesamt 45 Saisonspiele und lief Ende der Spielzeit sogar als Kapitän auf. Nun steht er abermals im Abseits.

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Zufrieden sieht anders aus: Thomas Müller bei seiner Einwechslung neben Trainer Niko Kovac. Bild: imago images/Sven Simon

Auch Javi Martinez spielt keine Rolle mehr

Ein anderer Spieler, der in die gleiche Kategorie fällt, ist Javi Martinez. Der Spanier, der seit 2012 für den FC Bayern spielt und auf der unantastbaren Sechs mit Bastian Schweinsteiger den Champions-League-Titel 2013 erringen konnte, stand in keinem Bundesliga-Spiel in der Startelf und kam auf lediglich drei Einwechslungen. Gegen Hoffenheim saß er 90 Minuten auf der Bank und es machten Fotos die Runde, auf denen er vor dem Spiel gegen die TSG niedergeschlagen und verzweifelt aussah.

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Co-Trainer Hansi Flick umarmt Javi Martinez – der nicht geweint haben soll. Bild: imago images/Jan Huebner

Zwar widersprach Co-Trainer Hansi Flick der These, dass der Spanier geweint haben soll, doch natürlich sei der 31-Jährige nicht glücklich mit seiner Situation: "Dass ein Spieler nicht zufrieden sein kann, wenn er nicht spielt, ist klar. Jeder Profi hat den Anspruch zu spielen", so Flick gegenüber "Spox". Und dieser Anspruch ist das Problem.

Ob Tränen oder nicht: Die Unzufriedenheit von Martinez und Müller könnte für Niko Kovac und den FC Bayern schnell zum Problem werden – wenn sie es nicht schon ist.

Kovac setzt nicht mehr auf Rotation

Klar ist: Kovac ist für die Unzufriedenheit der Spieler mitverantwortlich. Der Bayern-Coach hatte vergangene Hinrunde noch viel rotieren lassen, legte sich in dieser Spielzeit jedoch schon ziemlich früh auf seine erste Elf fest und lässt fast immer die gleichen Spieler von Anfang an ran.

Thomas Müller kommt derzeit nicht an Neuzugang Coutinho sowie an den Flügelspielern Coman und Gnabry vorbei, Martinez konnte sich noch nicht als Alternative für Tolisso oder Thiago im defensiven Mittelfeld anbieten.

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Lächeln für die Kamera: Der verletzte Leon Goretzka prostete mit Thomas Müller auf dem Oktoberfest an. Bild: imago images / Jan Huebner

Die Linie von Kovac war vor nicht allzu langer Zeit eine andere. Vor fast genau einem Jahr, die Bayern befanden sich in einer kleinen Krise, verteidigte er seine ständige Rotation vehement. "Schauen Sie sich doch mal die anderen Mannschaften an, die international spielen – alle rotieren. Es geht einfach nicht, jeden dritten Tag drei, vier, fünf, sechs Wochen hintereinander zu spielen. Das geht nicht!", sagte Kovac und fügte den vielsagenden Satz hinzu: "Und wenn mir da jemand was anderes erzählen will, dann versteht er den Job des Fußballers nicht."

Zwar ließ Kovac im Laufe der vergangenen Saison dann irgendwann weniger rotieren und die Ergebnisse wurden besser, doch seine Worte wirken ein Jahr später wie eine Warnung an ihn selbst. Denn: Schon wieder legt er sich auf eine Linie fest – und diese Marschroute von Kovac ist gefährlich. Nicht nur, weil der FC Bayern mit Thomas Müller bald eine seiner letzten Identifikationsfiguren verliert.

Müller und Martinez zunehmend frustriert

Die Saison in drei verschiedenen Wettbewerben ist lang und jeder Spieler wird gebraucht. Die Aufgabe eines Trainer ist es, die Spieler so einzusetzen, dass immer die bestmögliche Elf auf dem Platz steht. Dafür muss er die ehrgeizigen Profis bei Laune halten und sie mit Einsätzen belohnen. Kovac riskiert jedoch schon zu Anfang der Saison miese Stimmung in der Mannschaft. Statt hungriger Ersatzspieler, die sich für die Startelf anbieten wollen, entwickeln sich seine Bankdrücker immer mehr zu schlecht gelaunten Miesepetern. Das drückt auch die Stimmung im ganzen Team.

Dass die verwöhnten Bayern-Fans nun auch noch nach Niederlagen nach ihren Publikumslieblingen Martinez und Müller rufen, sorgt für noch mehr Unruhe und könnte für den nicht unumstrittenen Kovac noch nach hinten losgehen.

Doch nicht nur die Fans, sondern auch einige Experten schlagen Alarm. Reinhold Beckmann sagte im "Sport 1"-Doppelpass über Thomas Müller: "Er ist keiner, der meckert und er hat eine große Solidarität gegenüber den Bayern. Aber man muss aufpassen, solche Spieler nicht zu verlieren. Das scheint die größte Aufgabe von Kovac zu sein, nämlich alle abzuholen."

Gegen Hoffenheim wirkten die noch gegen Tottenham so groß aufspielenden Stammspieler müde, die ausgeruhten Ersatzspieler durften sich jedoch nicht wirklich beweisen. Die Aussagen von Kovac im Fall Müller taten ihr übriges. Damit die Maß Bier am Ende der Saison besser als auf dem Oktoberfest schmeckt, sollte Kovac seinen Umgang mit den Edelreservisten überdenken.

(bn)

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