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Lucien Favres Karriere war bereits mehrfach von sportlichen Achterbahnfahrten geprägt, was ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht. Bild: imago images/Kolvenbach

Analyse

Deswegen bricht Lucien Favre mit seinen Teams immer wieder ein

constantin Eckner

Am Mittwochabend konnte Borussia Dortmund einen weiteren sportlichen Rückschlag gerade noch verhindern. Im Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach drehte der BVB einen 0:1-Rückstand und zog durch zwei Tore von Julian Brandt in die nächste Runde ein. Doch trotz dieses Ergebnisses bleiben wieder einmal 70 schwache Spielminuten, in denen die Dortmunder sehr wenig zustande brachten. Der Druck auf Cheftrainer Lucien Favre ist weiterhin hoch.

Das Duell mit Favres Ex-Klub Gladbach ruft stets Erinnerungen hervor, wie der Schweizer die Fohlen einst aus der Versenkung hob, sie nach über drei Jahrzehnten zurück in den Europapokal führte und dann nach einer ernsthaften Krise verließ. Favres Karriere war bereits mehrfach von sportlichen Achterbahnfahrten geprägt, was ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht.

Favre: Erfolg und Misserfolg bei Hertha BSC

Bis zu seinem Wechsel in die Bundesliga im Jahr 2007 kannte Favres Trainerlaufbahn lediglich eine Richtung: nach oben. In der Schweiz feierte er Aufstiege und Meisterschaften. Er war einer der angesehensten Trainer des Landes. Dieser Ruf sicherte ihm auch einen Vertrag bei Hertha BSC. Und in Berlin ging die Erfolgsgeschichte Favres weiter. Nach einem ersten Jahr Anlauf gelang ihm der Sprung auf Rang vier in der Bundesliga. Hertha war damit eine große Überraschung gelungen.

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2007: Hertha-Chefcoach Lucien Favre erklärt Nationalspieler Arne Friedrich seine Idee von Fußball. Bild: imago images / Bernd König

Doch im darauffolgenden Jahr folgte der große Einbruch. Nach sechs Niederlagen an den ersten sieben Spieltagen war die Zeit Favres in der Hauptstadt abgelaufen. Zusätzlich zum sportlichen Niedergang hatte er sich mit der Vereinsführung überworfen. In Erinnerung blieb eine private Pressekonferenz Favres im Hotel Adlon, bei der er die Transferpolitik des Vereins kritisierte. Im Sommer hatte Hertha einige Leistungsträger abgegeben und zum Missfallen Favres auch nicht adäquat ersetzt.

Erfolg und Misserfolg für Favre bei Borussia Mönchengladbach

Nun können der abrupte sportliche Einbruch sowie der eher unrühmliche Abgang Favres als Ausnahme aufgefasst werden, doch die Ereignisse bei seiner nächsten Station wiederholten sich nahezu eins zu eins. Nach seiner Entlassung im Oktober 2009 blieb Favre für einige Zeit ohne Job, bis er in Mönchengladbach im Februar 2011 Michael Frontzeck als Trainer der Borussia ersetzte. Er führte den bis dato Tabellenletzten in die Relegationsspiele gegen den VfL Bochum und verhinderte den Abstieg.

Anschließend betätigte sich Favre nicht nur als Aufbauhelfer, sondern einmal mehr als Kopf einer Überraschungsmannschaft. Nahezu ohne nennenswerte Neuzugänge errang Gladbach Platz vier, nur um dann wieder schmerzhafte Abgänge wie etwa Marco Reus und Verteidiger Dante hinnehmen zu müssen.

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Lucien Favre erklärt dem damaligen Borussen Roel Brouwers seine Taktik: Am Ende konnte der Gladbach-Trainer seine Spieler offenbar nicht mehr erreichen. Bild: imago images / pmk

Obwohl er auch in Gladbach immer mal wieder mit einem Abgang kokettierte, blieb er doch und hielt den Klub auf Kurs. 2015 schloss er die Saison mit den Fohlen sogar als Dritter ab – und erlebte wenige Monate später den Totaleinbruch. Er verlor sechs Pflichtspiele in Folge und trat ein paar Wochen nach Saisonstart zurück. Natürlich nicht ohne Nebengeräusche, denn eigentlich lehnte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl den angebotenen Rücktritt Favres ab. Der Schweizer ging dann aber trotzdem nach eigenem Willen.

Wacklige Stabilität der Favre-Teams

In beiden Fällen ist nicht der Fakt, dass Favre entlassen wurde beziehungsweise zurücktrat, so bemerkenswert, sondern wie es beide Male zustande kam. Die meisten Trainer in der Bundesliga müssen in ihrer Karriere Klubs frühzeitig verlassen, aber bei Favre lag stets Genie und Wahnsinn nah beieinander. In den besten Phasen brillierten seine Teams mit erfrischendem Offensivfußball und klug durchdachtem Defensivspiel. Und sie taten dies, obwohl sie nicht unbedingt die besten Individualisten der Bundesliga auf dem Feld hatten.

Sein Spielsystem basierte stets auf defensiver Stabilität. Insbesondere Gladbach wurde in der Bundesliga für seinen unangenehmen Spielstil gefürchtet. Die Fohlen blockierten mit großem Geschick den Weg zum eigenen Strafraum und ließen so wenig wie möglich Schüsse zu. Mit ihrer kompakten Verteidigung brachten sie Gegner regelmäßig zum Stillstand und verleiteten sie zu Verzweiflungsschüssen aus der zweiten Reihe.

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So verteidigte Gladbach beispielsweise in der Saison 2014/15 das eigene Tor. Die Mannschaft zog sich als kompakter Block (grün) zurück und ließ Gegner durch clevere Raumdeckung selten in den roten Bereich. Bild: watson

Mit dieser Taktik wurden Favre und sein Team sogar zu einer Art statistischer Anomalie. Das Expected-Goal-Modell – ein Statistik-Modell, das die Erfolgswahrscheinlichkeit von Schüssen anhand von Faktoren wie der Schussposition vorhersagt – hatte für Favres letzte volle Saison in Gladbach rund 36 Gegentreffer vorausgesagt (Daten laut understat.com). Am Ende waren es lediglich 26. Das hatte Auswirkungen: In der Bundesliga-Tabelle am Ende der Saison hatte die Borussia damit neun Punkte mehr als die Statistik prognostizierte. Alles dank einer ungewöhnlichen Defensivstabilität und einer Art Mauertaktik, die eigentlich nach den Gesetzen des Fußballs nicht zum Erfolg hätte führen dürfen.

Diese defensive Stabilität stand jedoch immer auf wackligen Beinen. Denn nur kleinste Stellungsfehler einzelner Gladbacher machten die ganze Idee zunichte. In seiner letzten Saison bei den Rheinländern begingen Favres Spieler zu viele Fehler. Sie orientierten sich zu stark an den Gegenspielern und vernachlässigten die angedachte Raumdeckung; sie unternahmen unsinnige Läufe und rissen Löcher im eigenen Defensivverbund. Als die Stabilität nicht mehr vorhanden war, fiel Gladbach in sich zusammen.

Kein Aufbauhelfer beim BVB

Die Kritik an Favre war und ist vor allem mit seiner Untätigkeit verknüpft. Er hielt an seiner Spielidee fest und hatte keine Antwort auf die sportliche Misere. Diese teils stoische Art des Schweizers kann ihm jedoch oftmals helfen. Denn, gerade wenn er eine Mannschaft aufbauen und erst nach oben führen soll, hilft es, dass er sich von einzelnen Rückschlägen nicht aus der Ruhe bringen lässt und an sein taktisches Konzept glaubt. Allerdings war die Lage in Berlin und Gladbach eine andere als beim BVB. Die Mannschaften hatten zunächst herausragende Leistungen abgeliefert und sind dann eingebrochen.

Dass sich Favre offenbar mit Spielern oder auch sportlichen Verantwortlichen überwarf, verstärkte nur das Bild des mürrischen Schweizers, wobei sicherlich nicht immer die Schuld bei Favre zu suchen war. In Dortmund ist von einer Kluft zwischen Mannschaft und Trainer noch nichts zu vernehmen. Aber die sportlichen Leistungen könnten gemessen an den eigenen Ansprüchen größer sein.

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Lucien Favre und BVB-Kapitän Marco Reus arbeiteten schon in Mönchengladbach zusammen. Bild: imago images / eu-images

Beim BVB ist Favre ausnahmsweise nicht als Aufbauhelfer, sondern als Meistermacher gefragt. Jedoch wirkt er momentan ebenso tatenlos wie zu seinen schlimmsten Zeiten in Berlin und Gladbach. Er spielte mit dem BVB eine hervorragende Hinrunde im vergangenen Jahr. Damals griff das Defensivsystem des Schweizers. Die Mannschaft stand kompakt im Mittelfeld und ließ ganz wenig zu. Im Gegenzug konnte sich Favre in der Offensive auf die Qualitäten von Reus und Co. verlassen.

Diese Kompaktheit war allerdings in der zweiten Hälfte der Saison nicht mehr so gegeben – ähnlich wie damals in Gladbach. Für die Art und Weise, wie Favre die Dortmunder Mannschaft verteidigen ließ, braucht es höchste Konzentration und Top-Form aller Beteiligter. Im Verlaufe der Saison wirkte der BVB ermüdet und verteidigte schlampiger. Favre jedoch passte sein System nicht an, als die Leistungen schlechter wurden.

Der Eindruck, dass er keine wirkliche Antwort auf sportliche Krisen parat hat, verstärkt sich in dieser Saison noch einmal. In den vergangenen Partien war der BVB an offensiver Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Für eine Mannschaft mit derart talentierten Angreifern ist es zu wenig, wenn sie ständig mit Dribblings kurz hinter der Mittellinie stecken bleibt und keinerlei Dominanz ausstrahlt. Selbst beim 2:1-Sieg gegen Gladbach am Mittwochabend war Dortmund die meiste Zeit extrem harmlos.

Eine Analyse von Favre reicht nicht

Angesichts der hohen Ansprüche beim BVB ist Favre schon lange nicht mehr unumstritten. Interessanterweise erkennt er – wie auch schon in der Vergangenheit – die Schwachstellen punktgenau und präsentiert selbst gegenüber den Medien scharfe Analysen. Nach dem 0:0 im Revierderby gegen Schalke sagte er beispielsweise: "Wir haben bei Schalkes Pressing gelitten, das sagt sehr viel aus. Viele Mannschaften pressen sehr aggressiv, sehr hoch. Wir müssen schneller spielen, um das Pressing des Gegners zu vermeiden."

Gerade bei hohem Pressing wirkt der BVB etwas panisch, weil er aus seiner taktischen Grundordnung nicht ausbricht. Um Anspielstationen für die von Favre geforderten schnellen Zuspiele zu finden, braucht es auch Dortmunder, die sich von Gegenspielern lösen. Das gelingt allerdings nicht, wenn die Flügelstürmer auf den Außenbahnen und die Zentrumsspieler in der Mitte kleben. Positionelle Rochaden sowie bewusste Verschiebungen auf eine Spielfeldseite oder in die Mitte sind vonnöten. Die Spielzüge dürfen sich nicht ständig ähneln.

Favre und Borussia Dortmund müssen zudem oftmals Kritik hinnehmen, weil sie auf die Verpflichtung eines physisch starken Mittelstürmers im Sommer verzichteten. Damit fehlt dem BVB in manchen Situationen eine großgewachsene Anspielstation in der Spitze. Da Favre selbst fordert, dass seine Mannschaft schneller hinten herausspielen soll, könnte sich ein solcher Mittelstürmer als extrem hilfreich erweisen, wenngleich diese Lösung eventuell nicht den Ansprüchen des BVB-Trainers genügt, der Flachpässe und technisch sauberes Spiel bevorzugt. Aber seine kürzlich getätigten Aussagen lassen Raum für Spekulation, wie er sich schnelles Angriffsspiel vorstellt.

Obwohl Favre die Probleme benennt, gibt es derzeit keine Lösungen. Das ist die Krux im Fall Favre. Schon früh in seiner Bundesliga-Karriere erarbeitete er sich einen Namen als Taktiker, der präzise Analysen tätigt. Allerdings reicht es nicht, ein Analytiker zu sein, wenn sich auf dem Spielfeld nichts verändert. Seine Trainerstationen in den vergangenen zehn Jahren haben das in den schlimmsten Phasen verdeutlicht und müssten für den BVB ein Grund zur Sorge sein.

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