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Dortmund, Germany, 22.04.2019, 1. Bundesliga, Training BV Borussia Dortmund, Trainer Lucien Favre (BVB) Schaut, looks on ( DeFodi001 *** Dortmund Germany 22 04 2019 1 Bundesliga Training BV Borussia Dortmund Coach Lucien Favre BVB Watch looks on DeFodi001

Lucien Favre musste mit ansehen, wie sein Dortmund noch von Bayern eingeholt wurde. Bild: www.imago-images.de

Analyse

Dann kam noch Favres Sturheit: Warum der BVB die Meisterschaft verspielte

Borussia Dortmund hat den Meistertitel trotz 9 Punkten Vorsprung verspielt – das 2:2 gegen Bremen war wohl der entscheidende Ausrutscher zu viel. Der BVB scheiterte in der Rückrunde an Unvermögen, einem gnadenlosen Konkurrenten und etwas taktischer Sturheit. Eine Analyse.

Sandro Zappella / watson.ch

Bayern München wird 2019 Deutscher Meister. Das ist nach dem Sieg gegen Hannover vom Wochenende und dem gleichzeitigen Remis von Dortmund gegen Bremen so gut wie sicher. Der FCB braucht aus den letzten beiden Spielen in Leipzig und gegen Frankfurt noch einen Sieg oder zwei Unentschieden.

Dass Dortmund zwei Spieltage vor Schluss überhaupt noch um die Meisterschaft spielt, hätte zu Beginn der Saison kaum jemand gedacht. Nach der schwachen letzten Saison mit Peter Bosz und Peter Stöger (Platz 4 mit 55 Punkten) hat Lucien Favre die Mannschaft stabilisiert und wieder zu einem ernsthaften Herausforderer der Bayern geformt. 9 Punkte lag Dortmund zwischenzeitlich vor dem Rekordmeister – und begann zu träumen.

Doch die Träume vom 9. Meistertitel zerbrachen Stück für Stück.

Hier kommen 5 Gründe, warum die Dortmund so abbaute.

Die Mentalitätsspieler auf der Suche nach der Mentalität

Am 9. Februar begann etwas zu zerbrechen. Dortmund führte gegen Hoffenheim nach 75 Minuten mit 3:0 – musste noch drei Gegentore hinnehmen und spielte schließlich nur 3:3. Der Vorsprung auf Bayern schmolz auf 5 Punkte. Der BVB trägt Schaden davon – es folgt ein mageres 0:0 gegen Nürnberg, zwei Wochen später eine unnötige 1:2-Niederlage in Augsburg.

Die im Sommer verpflichteten und in der Hinrunde hochgelobten "Mentalitätsspieler" Axel Witsel (30) und Thomas Delaney (27) konnten dem Team nicht (mehr) den Halt geben, den es brauchte. Im Spitzenspiel gegen Bayern ließ man sich gleich 0:5 abschlachten und muss die Tabellenführung abgeben, im Revierderby gegen Schalke gab es letzte Woche eine 2:4-Klatsche.

SOCCER - 1.DFL, Bayern vs Dortmund MUNICH,GERMANY,06.APR.19 - SOCCER - 1. DFL, 1. Deutsche Bundesliga, FC Bayern Muenchen vs Borussia Dortmund. Image shows Robert Lewandowski (Bayern), Axel Witsel and Thomas Delaney (Dortmund). PUBLICATIONxINxGERxHUNxONLY GEPAxpictures/xThomasxBachun

Thomas Delaney und Axel Witsel konnten das Team nicht immer zusammenhalten – wie hier gegen Bayern-Profi Robert Lewandowski Bild: www.imago-images.de

Dortmund, so hatte man oft das Gefühl, fehlte in wichtigen Momenten die Mentalität – wie am Wochenende beim 2:2 gegen Bremen. Der BVB gab einmal mehr in dieser Saison in einem Spiel Punkte ab, in dem er niemals Punkte abgeben durfte. Einmal mehr offenbarte die Schwarzgelben große Probleme, eine komfortable Führung nach Hause zu bringen.

"Unser Leistungsniveau geht von sehr gut bis schlecht. Ich kann das nicht erklären, warum uns kleine Dinge so aus der Ruhe bringen."

Thomas Delaney

Oft reicht eine harte Schiedsrichterentscheidung, ein unglückliches Gegentor oder ein Patzer, um die ganze Mannschaft ins Wackeln zu bringen. Hier fehlte in der Rückrunde die moralische Stabilität. Delaney und Witsel wurden einerseits wegen physischen Aspekten geholt, aber auch als Spieler, die dagegenhalten, wenn es nicht läuft – wenn das Team Führungsstärke braucht. Diesen Part konnten beide Spieler in der Rückrunde kaum noch erfüllen.

Die fehlbaren jungen Wilden

Gegen Bremen geht die Niederlage auf die Kappe von zwei Schweizern, die in dieser Siason so oft überragten. Roman Bürki patzte beim 1:2, Manuel Akanji beim 2:2. Beide Fehler dürfen so natürlich nicht passieren. Nicht, wenn du die Ambition hast, Meister zu werden.

Zumindest beim 23-jährigen Manuel Akanji, der wegen der Rotsperre gegen Marco Reus als Kapitän auflief, darf man mangelnde Erfahrung geltend nehmen. Der Schweizer Nationalspieler, der als Außenverteidiger ran musste, versuchte einen Ball abzulaufen, Ludwig Augustinsson brachte den Fuß ran, Claudio Pizarro reagierte schneller als Abdou Diallo und traf zum Ausgleich.

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Auch wenn er gegen Werder traf – Christian Pulisic ist eines der Gesichter der Krise. Bild: www.imago-images.de

Zusammen mit Julian Weigl (23), Abdou Diallo (23) und Raphael Guerreiro (25) bildete Akanji eine junge Abwehr. Eine Abwehr, die lange überzeugte, am Ende aber doch wackelte und irgendwann einbrach. Rechnet man Ende Saison all die individuellen Fehler zusammen, die Dortmund gemacht hat, es sind wohl genau die Punkte, welche zu den Bayern fehlen.

"Wir sollten nicht so müde sein in den Beinen und im Kopf."

Christian Pulisic

Neben dem jungen Durchschnittsalter hat Dortmund vor allem auch einen Mangel an Erfahrung. Während für die Bayern-Spieler Titelgewinne eine Selbstverständlichkeit sind, wäre es für die meisten Dortmund-Spieler ein Novum. Sie wissen (noch) nicht, wie man Titel holt.

Die Zerbrechlichkeit des Marco Reus

Mit ein Grund für die starke Dortmund-Hinserie war Marco Reus. Der Kapitän erhielt von Lucien Favre alle Freiheiten, dankte diese mit 11 Toren und 7 Assists – und das Wichtigste: Er blieb für einmal unverletzt, machte in der Hinrunde sämtliche Partien. Marco Reus ist der einzige Spieler im Kader, der in Topform die absolute Weltklasse erreicht. Eine Identifikationsfigur für Mannschaft, Fans, den ganzen Verein.

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Marco Reus hatte in der Rückrunde oft sein Lachen verloren. Bild: www.imago-images.de

Teile der Wintervorbereitung und den Rückrundenstart verpasste Reus wegen einer Bänderdehnung – wenig später fiel der deutsche Nationalspieler mit einem Muskelfaserriss im Adduktorenbereich erneut aus. Von 15 Rückrundenpartien war Reus nur 9 Mal dabei und wirkte nicht immer zu 100 Prozent fit. In der Rückrunde kommt er immerhin noch auf 5 Tore und 3 Vorlagen. Das ist kein schlechter Wert – doch Dortmund hätte einen gesunden Reus in Topform gebraucht. Der Tiefpunkt des sonst so vorbildlichen Teamkapitäns folgte durch ein überhartes Foul gegen Schalke, das mit der roten Karte bestraft wurde. Reus fehlte gegen Bremen und wird auch das Heimspiel gegen Düsseldorf verpassen.

Favres taktischer Elfenbeinturm

Die Dortmunder Version 2018/19 ist ein fragiles Gebilde. Und ganz oben im taktischen Elfenbeinturm sitzt Lucien Favre. Der Schweizer ist ein Perfektionist, der eine Spielidee hat und genau weiß, wie er diese umsetzen möchte. Er ist ein Typ wie Pep Guardiola, der dem Gegner seine Spielweise aufzwingen will. Lucien Favre ist überzeugt von seinem System. Einige bezeichnen es als detailversessen, andere als stur, wie sehr Favre teilweise auf seinen Ideen beharrt.

Nach der 2:0-Pausenführung gegen Bremen stellte Favre um, opferte das hohe Pressing einer viel passiveren Ausrichtung. Das funktionierte gut, Dortmund verpasste mit seinem schnellen Umschaltspiel das 3:0 mehrmals knapp. Als Bremen-Trainer Florian Kohfeldt nach einer Stunde Claudio Pizarro und Kevin Möhwald brachte, verpasste es Favre, zu reagieren. Bei Werder agierte Linksverteidiger Augustinsson so offensiv, dass die Verteidigung praktisch zu einer Dreierkette wurde. Während Bremen die rechte Seite überlud, gab es Platz auf links. Beide Tore fielen nach Spielverlagerungen in eben diesen offenen Raum auf Augustinsson.

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Sichtlich angefressen: Lucien Favre beim Unentschieden in Bremen. Bild: www.imago-images.de

Natürlich profitierte Werder von den BVB-Fehlern, dennoch ging der Matchplan von Kohfeldt voll auf, während sich Favre fragen musste, wie das Spiel nochmals spannend werden konnte.

Dass Favre bisweilen etwas stur sein kann, beweist die chronische Standard-Schwäche seines BVB. In der Rückrunde kassierte Dortmund acht Gegentore – doch Favre bleibt dabei, nur raumorientiert und nicht mannorientiert zu verteidigen.

"Wir Spieler haben immer wieder Argumente gebracht, um vielleicht etwas zu ändern. Da haben wir auch den Trainer miteinbezogen. Aber irgendwann gehen uns die Argumente aus."

Roman Bürki

Trotz seines hervorragenden Rufs nach den Stationen in Berlin und Gladbach hat Favre in Deutschland auch einen schweren Stand, ihm wird unterstellt, dass ihm das Sieger-Gen fehle. Als er nach der Niederlage gegen Schalke die Meisterschaft abschrieb, wurde er in den deutschen Medien hart kritisiert. Ein Kolumnist der "Bild"-Zeitung forderte sogar seine Entlassung.

Die Titelhamster aus München

Schnell wird vergessen, wie gut die Dortmund-Saison trotz dem Einbruch in der Rückrunde war. 70 Punkte aus 32 Spielen, das ist ein Schnitt von 2.19 Punkten. Zum Vergleich, in Klopps umjubelter erster Meistersaison 2011 holte Dortmund 75 Punkte – in dieser Saison sind noch 76 drin.

l-r: Schlussjubel bei Jerome Boateng 17 (FC Bayern Muenchen), Mats Hummels 5 (FC Bayern Muenchen), Joshua Kimmich 32 (FC Bayern Muenchen), FC Bayern Muenchen vs. 1. FC Heidenheim, Fussball, DFB-Pokal, Viertelfinale, 03.04.2019, DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO Muenchen Bayern Deutschland *** l r Final cheer at Jerome Boateng 17 FC Bayern Muenchen Mats Hummels 5 FC Bayern Muenchen Joshua Kimmich 32 FC Bayern Muenchen FC Bayern Muenchen vs. 1 FC Heidenheim Football DFB Cup Quarter Finals 03 04 2019 DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND OR QUASI VIDEO Muenchen Bayern Germany Copyright: xkolbert-press/ChristianxKolbertx

Die Bayern sind noch zu stark für Dortmund. Bild: www.imago-images.de

Doch die Bayern zeigen eine überragende Rückrunde und haben 37 von 45 möglichen Punkten geholt. Dortmund wird unter anderem nicht Meister, weil Bayern einmal mehr eine starke Saison zeigt. In der nächsten Spielzeit werden es die Dortmunder wieder versuchen. Mit einem Lucien Favre, der den Sprung vom sehr guten zum großartigen Trainer machen kann.

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