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"Selbst Ordner weinten" – 5 Momente beim Union-Aufstieg werde ich nie vergessen

jennifer holdt

Es fing um 6 Uhr morgens an. "Ich bin so aufgeregt", schrieb jemand in eine Union-Whatsapp-Gruppe. Fast alle pflichteten ihm bei. Auf Twitter schrieb kurz vor Mittag jemand: "Darf ich jetzt schon Bier trinken? Ich halte es nicht mehr aus." Auch ich war nervös. Während ich bei der Arbeit war, schwirrte nur ein Gedanke durch meinen Kopf: Union.

Fünf Stunden vor Abpfiff fuhr ich zum Stadion, ich wusste nicht wohin mit mir. So wie ich taten es viele. Vor dem entscheidenden Relegationsspiel lag schon in der Luft, dass es kein normales Spiel wird. Das spürte ich schon vor der Alten Försterei... Und es wurde ein unvergesslicher Abend.

Fünf Momente vom ersten Union-Aufstieg in die Bundesliga werde ich wohl niemals vergessen – weil sie so viel über diesen besonderen Verein aussagen.

Leute kamen nur zum Hören

Als klar war, dass Union in die Relegation muss, war das Heimspiel sofort ausverkauft. Zehntausende Fans hatten kein Ticket bekommen. Sie mussten das Spiel im TV statt live im Stadion anschauen. Doch nicht alle taten das: Statt in der Union-Fankneipe "Abseitsfalle", in Köpenicker Bars oder daheim auf der Couch zu gucken, kamen Dutzende Union-Fans einfach ohne Ticket zum Stadion. Sie bemühten sich gar nicht um Karten auf dem Schwarzmarkt. Sie stellten sich hinter die Tribüne an der Waldseite und wollten über 90 Minuten einfach das Spiel hören.

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So auch Freunde von mir. Sie berichteten, dass die Leute diesen möglicherweise historischen Moment so nah wie möglich miterleben wollten. Sie kamen, um das Geschrei, die Lieder und das Raunen zu hören, damit es ihre Haare zu Berge stehen lässt. Sie wollten den Puls der Alten Försterei spüren.

Die Stuttgarter kamen wie zur Beerdigung

Wir standen auf der Waldseite und wollten einfach nur, dass dieses Spiel beginnt. Wir malten uns voller Euphorie aus, wie schön es wäre, wenn dieser Verein, der vor über zehn Jahren noch so klamm war, dass die Fans das Stadion mit eigenen Händen renovierten, bald die großen Vereine in der Bundesliga empfangen könnte. Die Fans des VfB Stuttgart kamen wie zu einer Beerdigung. Auf ihre eigene Beerdigung.

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So zumindest wirkte es, als sich der Gästeblock mit einigen in schwarz gekleideten Fans füllte. Wir spürten ihre Angst vor der Niederlage. Wir spürten, wie schwer es ihnen fiel, hier in die pure Euphorie hereinzuspazieren. Solche Gegensätze habe ich selten gespürt.

Kaum jemand spricht

Als ich dann auf der Waldseite stand, fiel mir während des Spiels auf, dass, neben all den Liedern und dem Wechselgesang, kaum jemand sprach. Sonst macht Union vor allem aus, dass es alle zwei Wochen wie ein Familientreffen ist. Um einen herum stehen immer die gleichen Gesichter, man singt gemeinsam, man tratscht, trinkt und lacht aber auch zusammen. Am Montagabend war dem nicht so.

Wie paralysiert starrten alle auf den Platz. In Trance folgten wir dem Spiel. Jeder Bewegung unserer Spieler, jeder Pass wurde beobachtet, als ob es der letzte sein könnte. Wir saugten das Spiel auf. Alles andere verschwamm. Selbst die Capos auf dem Zaun, die meist nur auf die Tribüne schauen und die ganze Waldseite anpeitschen, hatten plötzlich Augen für das Geschehen auf dem Platz.

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Auch nach dem Spiel ging zwar im Stadion die Party, aber überall spürte ich die pure Erschöpfung. Die Anstrengung über mehrere Stunden war allen anzumerken. Nach dem Krampf wollten so viele Menschen einfach nur durchschnaufen und in sich zusammensacken. Auf dem Feld völlig fertige Familienväter, die ausgepumpt neben ihren Kindern auf dem Rasen lagen und so aussahen, als ob ihnen bewusst wurde, dass sie nach jahrelangem Training den Ironman gewonnen hätten.

Ordner weinten

Als der Abpfiff ertönte, fiel ich erstmal mehrere Meter die Treppen der Stehplatztribüne herunter. Ich lag mit wildfremden Menschen in Rot und Weiß auf dem Boden. Wir umarten uns, wir lachten und stolperten Richtung Zaun.

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Als wir dann auf den Platz stürmen wollten, halfen uns die Ordner über den Zaun. Die meisten von ihnen hatten Tränen in den Augen. Sie gehören wie jeder Fans seit Jahren, gar Jahrzehnten zu dieser Familie und sie ließ dieser Moment auch nicht los. Auf dem Platz umarmte ich weiter Menschen, ich habe wohl noch nie so viele Schmatzer auf die Wange bekommen wie an diesem Abend.

Rafał Gikiewicz emotional mit seiner Familie

Nicht nur der Großteil der über 21.000 Fans im Stadion war ganz woanders. Auch die Spieler waren so nahbar und frei, wie ich sie noch nie erlebt habe. Sie hatten immer wieder das Stadionmikrofon ergattert und sangen Lieder. Sie spritzten mit Bier und feierten mit den Fans stundenlang auf dem in Rot getauchten Platz.

Besonders Rafał Gikiewicz, der mit seinen Paraden diesen Aufstieg auch an diesem Abend wieder mal festhielt, bleibt mir da im Kopf. Er stand mit seiner Familie auf dem Rasen. Völlig aufgelöst. Auch für ihn scheint Union mehr zu sein.

Kontrastprogramm:

"Was kostet die Welt, Digger!"

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