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Leere Oberränge ist man im Dortmunder Westfalenstadion eigentlich nicht gewohnt. Bild: www.imago-images.de / Matthias Koch

Leere Ränge, Instagram-Ärger, Sponsoren wenden sich ab: Die DFB-Elf steckt in Krise

Mit einem 3:0 in Estland ging für Bundestrainer Joachim Löw und seine Nationalmannschaft am Sonntagabend die Länderspielpause zu Ende. Nach dem 2:2 im Freundschaftsspiel gegen Argentinien sorgte der Pflichtsieg gegen den Tabellenletzten der EM-Qualifikationsgruppe C zumindest vom Ergebnis her für ein versöhnliches Ende. Das DFB-Team wahrt damit die Chance auf den Gruppensieg.

Die Bilanz der Länderspielwoche dürfte beim Deutschen Fußball-Bund jedoch ernüchternd ausfallen. Das lag nicht nur an den fast 15 verletzten oder kranken Spielern, die Löw zu Kreativität bei der Mannschaftsaufstellung zwangen. "Diese Woche ist viel falsch gelaufen", fasste Löw nach dem Estland-Spiel die Lage bei RTL zusammen. Das Flaggschiff des DFB, die Nationalmannschaft, strauchelt auf vielen Ebenen.

Beobachtung 1:
Leere Ränge beim Länderspiel

Beim Spiel gegen Argentinien am vergangenen Mittwoch sorgten nicht nur die beiden Gegentreffer im zweiten Durchgang für bedrückte Gesichter bei den Zuschauern, viel mehr war die Kulisse das Problem. Mit nur 44.000 Besuchern wirkte das sonst so stimmungsvolle Dortmunder Westfalenstadion beinahe leer, passen in der Bundesliga doch fast doppelt so viele Zuschauer in die Arena.

Die oberen Ränge waren so spärlich besetzt, dass der Schriftzug "Borussia" deutlich zu lesen war, phasenweise machte sich eine gespenstische Stille breit. Argentinien trat zwar auch ohne große Stars wie Messi oder Agüero an, dennoch sind die Südamerikaner immer ein prestigeträchtiger Gegner. Zuletzt hatte sich der DFB schon dazu entschieden, in kleineren Stadien wie in Mainz oder Wolfsburg die eigenen Spiele auszutragen.

Doch die Fans kommen nicht mehr, die Nationalmannschaft hat ein Attraktivitätsproblem.

Beobachtung 2:
Sponsoren wenden sich ab

Aber nicht nur die Fans scheinen von der Nationalelf gelangweilt zu sein, auch die Sponsoren springen ab. Die Fast-Food-Kette McDonald's stoppte schon im vergangenen Jahr den Vertrag mit dem DFB, seit 2004 unterstützte der Fast-Food-Konzern die Mannschaft. Nun wollte man sich eher in den Bereichen E-Sports und Trendsportarten engagieren, hieß es.

Mercedes wiederum wurde 2017 prompt von VW abgelöst. Das war nicht zuletzt verwunderlich, weil Mercedes bereits ab 1972 als Partner agierte, ab 1990 sogar als Generalsponsor. Doch Dieter Zetsche selbst begründete den Schritt in einem schriftlichen Kommentar so: "Das Paket, um das es ging, beinhaltete weniger Leistungen als das bisherige. Um es zu bekommen, hätten wir aber deutlich mehr zahlen müssen."

Auch der jahrelange Mode-Ausstatter Hugo Boss ging still und leise im Mai von Bord. Boss kleidete die Nationalmannschaft seit 2013 ein. Eine Hugo-Boss-Sprecherin sagte zu den Gründen: "Wir konzentrieren uns jetzt auf internationale Klubmannschaften". Real Madrid oder Paris Saint-Germain wurden ins Spiel gebracht.

Außerdem ist ein Biersponsor auch noch nicht gefunden...

Beobachtung 3:
Mangelnde Leistung des Teams

Auch die spielerische Leistung der Nationalelf lässt bisweilen zu wünschen übrig – wenn es nach den verwöhnten Fans geht. Spiele, die den Puls von Taktik-Liebhabern und Fans des schönen Fußballs früher in die Höhe getrieben haben, sorgen heute oftmals nur noch für ein Gähnen. Das DFB-Team liegt nach dem Sieg gegen Estland nur auf Platz 16 der Weltrangliste. Der Weltmeister-Glanz aus dem Jahr 2014 ist schon länger erloschen.

Das bestätigt auch Nicolas Fink, Experte für Markenmanagement und Öffentlichkeitsarbeit im Sport, gegenüber watson:

"Die Mannschaft konnte im Anschluss an die WM nicht an die sportlichen Erwartungen anknüpfen, wodurch auch der öffentliche Druck gestiegen ist, einen 'Umbruch' herbeizuführen."

Nach dem frühzeitigen WM-Aus im Sommer 2018 erreichte die Nationalmannschaft im September einen weiteren Tiefpunkt. Nach der 4:2-Niederlage gegen die Niederlande in der EM-Qualifikation waren die Defizite des rundum erneuerten DFB-Teams nicht mehr schön zu reden. Der sportliche Abstieg aus der Nations League im vergangenen Jahr und die Niederlage gegen die schon länger nicht mehr zur Weltspitze gehörenden Niederländer in der EM-Quali manifestieren die derzeitige Stellung der Nationalelf in der Welt.

Bastian SCHWEINSTEIGER beendet seine Karriere Archivfoto: v.li,Christoph KRAMER GER,,Benedikt HOEWEDES HWEDES GER,Bastian SCHWEINSTEIGER GER mit dem Pokal,Torwart Ron Robert ZIELER GER,Miroslav KLOSE GER,Andre SCHUERRLE,SCH RRLE GER,Teamfoto,Team, Mannschaft,Mannschaftsfoto,Jubel,Freude,Begeisterung,Siegerehrung,Ehrentribuene,Cup,Trophy,Trophaee. Deutschland GER-Argentinien ARG 1-0 n.V Finale,Final,Spiel 64, am 13.07.2014 in Rio de Janeiro. Fussball Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien vom 12.06. - 13.07.2014.   Bastian SCHWEINSTEIGER ends his career Archivfoto v li,Christoph KRAMER GER ,,Benedikt HOEWEDES HWEDES GER ,Bastian SCHWEINSTEIGER GER with the trophy,Goalkeeper Ron Robert ZIELER GER ,Miroslav KLOSE GER ,Andre SCHUERRLE,SCH RRLE GER ,Teamfoto,Team, Team,Team photo,Jubilee,Joy,Enthusiasm,Award ceremony,Honorary tribune,Cup,Trophy,Trophy,Trophaee Germany GER Argentina ARG 1 0 n V Final,Final,Game 64, on 13 07 2014 in Rio de Janeiro Football World Cup 2014 in Brazil from 12 06 13 07 2014

Der Weltmeister-Jubel 2014: Gute Zeiten für das DFB-Team unter Löw. Bild: www.imago-images.de / Sven Simon

Auch wenn die Leistung gegen Argentinien schon viel überzeugender war, gibt es noch einige Schwachstellen, an denen Löw und sein Team dringend arbeiten müssen, damit sich wieder eine Spielfreude vom Platz auf die Fans überträgt. Das war auch in der ersten Halbzeit gegen Fußballzwerg Estland zu sehen, wo der Nationalelf in Unterzahl die Ideen fehlten. Zur Halbzeit skandierten einige Fans "Löw raus".

Das vor wenigen Jahren noch von allen gefeierte Nationalteam kann nicht mehr begeistern. Doch woran liegt das?

DIE GRÜNDE

Übersättigung der Fans

Vermutlich ist nicht zuletzt die völlige Turnier-Übersättigung für das fehlende Interesse an der Nationalmannschaft verantwortlich. Neben dem Bundesliga-Geschehen, dem DFB-Pokal, der Champions League und Europa League gesellen sich EM-Qualifikation gegen so manchen Fußballzwerg wie Estland, die neugegründete Nations League und unwichtige Testspiele wie gegen Argentinien.

Selbst der glühendste Fußballfan muss irgendwo Abstriche machen, und es scheint, als wären sich alle einig, wo: beim Nationalteam.

Fehlende Sympathieträger

Von 2001 bis 2019 hatte der DFB fünf verschiedene Präsidenten, vier von ihnen mussten das Amt vorzeitig verlassen. Oft waren unterschlagende Gelder, Korruption, politisch unkorrekte Äußerungen und Affären der Grund für den frühzeitigen Rücktritt.

Das jüngste Beispiel ist der im April zurückgetretene Reinhard Grindel. Er nahm eine Luxusuhr als Geschenk von einem russischen Oligarchen an und bekräftigte damit die Vorwürfe von Käuflichkeit und Korruption immens.

Aber auch der überraschende Rausschmiss von den drei WM-Helden Hummels, Müller und Boateng hat den Sympathie-Faktor der Nationalmannschaft beziehungsweise den von Jogi Löw nicht erhöht. Das bestätigt auch Marketing-Experte Fink, der seit Jahren im Bereich "Strategische Entwicklung von Sportvereinen" forscht:

"Hinsichtlich des Images hat der DFB drei Identifikationspersonen verloren und auf sportlicher Seite drei potenzielle Backups, die hätten einspringen können, wenn, wie im Fall gegen Argentinien, 15 Spieler ausfallen."

Abseits vom Platz: Immer wieder Negativ-Schlagzeilen

Vor und nach dem Spiel gegen Estland sorgten Instagram-Likes von Ilkay Gündogan und Emre Can für negative Schlagzeilen. Sie hatten das Like unter ein Foto gesetzt, auf dem ein befreundeter Nationalspieler per Torjubel die militärische Offensive in Syrien unterstützte. Trotz der klaren Statements gegen Krieg und Terror durch die Spieler nach dem Estland-Spiel, erinnerten sich viele Fans sofort an die Bilder von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsident Erdogan, die 2018 eine Krise beim DFB auslösten.

Zuletzt gab es negative Schlagzeilen – ausgerechnet dort, wo das DFB-Team noch zur Weltspitze gehört: Auf der Torwart-Position. Alles drehte sich seit der vergangenen Länderspiele im September um zwei Personen: Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen. Es ging um die Frage: Wer von beiden wird die Nummer 1 im DFB-Tor sein? Erst gossen beide Torhüter selbst Öl ins Feuer – und als die Hütte schon brannte, kam Uli Hoeneß und setzte das ganze Dorf in Brand. Der Boss des FC Bayern befeuerte die Debatte mit seinen verbalen Dauer-Querschlägen wahlweise in Richtung DFB, Oliver Bierhoff oder ter Stegen selbst. Leidtragender ist bei solchen Diskussionen am Ende die Nationalmannschaft gewesen. Auch, weil Joachim Löw vorgeworfen wurde, dass er Herausforderer ter Stegen trotz Weltklasse-Leistungen keine Chance gebe.

Der Ausblick:
Ein Findungsprozess muss beschleunigt werden

Marketing-Experte Fink fasst gegenüber watson zusammen: "Der DFB kämpft somit gleich an mehreren Punkten, die sich jedoch als imagerelevant darstellen: fehlender sportlicher Erfolg, Ausbootung einzelner Spieler, fehlende Identifikationsfiguren, Skandale im Hinblick auf WM-Vergaben, Verhalten von DFB-Präsidenten, öffentlich ausufernde Thematiken – zum Beispiel im Hinblick auf Mesut Özil – oder auch die deutliche Kritik der anderen Trainer im Hinblick auf die UEFA Nations League."

Für den sportlichen Umbruch der Mannschaft ist Jogi Löw verantwortlich. Der neue DFB-Präsident Keller ist bei den anderen Problemen gefragt – an ihm liegt es, die Sympathien des DFB wieder zu erhöhen, die Nationalmannschaft zurück auf den Kurs und in die Köpfe der Fußballfans zu bringen.

"Die Mannschaft befindet sich in einem Findungsprozess – nicht nur sportlich, sondern auch im Hinblick auf 'Sporthelden' und Identifikationsfiguren, die die Nationalmannschaft nach außen vertreten und Aufsehen erregen können", so Experte Fink.

Spätestens bei der WM 2022 wird sich zeigen, ob Keller die Bewältigung dieser Mammut-Aufgabe tatsächlich gelungen ist. Wenig hilfreich dürfte dabei allerdings der viel umstrittene Austragungsort Katar sein.

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