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Kai Havertz. Bild: imago/DeFodi/roland krivec

Kai Havertz: Sein erster Trainer wollte das Supertalent nicht mitspielen lassen

Die Nationalmannschaftskarriere von Kai Havertz kommt seit der ersten Berufung vor gut einem Jahr noch nicht so richtig in Fahrt. Bisher durfte er in noch keinem Pflichtspiel von Beginn an ran. Bundestrainer Joachim Löw bittet noch um Geduld: "Für den finden wir einen Platz, auf jeden Fall. Der wird sich durchsetzen, da bin ich mir sicher." Der 20-jährige Profi von Bayer Leverkusen gilt als kommender Weltklassespieler und Star der Nationalelf. Löw ist nicht der erste Trainer, der Havertz langsam an die erste Mannschaft heranführen will. Auch sein allererster Fußballtrainer bei Alemannia Mariadorf wollte das Talent erst gar nicht mitspielen lassen.

Dirk Morfeld ist seit 18 Jahren Trainer bei Alemannia, der 49-Jährige erinnert sich an seinen ehemaligen Schützling: "Schnell, guter Schuss – bescheiden, immer sachlich, immer höflich". Der Trainer ist sicher: "Wenn der Kai seine Einstellung behält, dann wird er in seiner Karriere noch sehr weit kommen."

So sah das damals aus:

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Dirk Morfeld (l.) mit seiner Bambini-Truppe. Der kleine Mann ganz rechts ist Kai Havertz. foto: privat/zvg

Die steile Karriere des Kai Havertz

Bisher ist Havertz mit seinen gerade mal 20 Jahren schon ziemlich weit gekommen. Für den gebürtigen Aachener geht es seit Jahren nur nach oben:

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Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören. Bild: imago images/Marc Schueler

Angefangen hat Havertz' steile Karriere vor knapp 16 Jahren in Mariadorf, einem Stadtteil von Alsdorf in der Nähe von Aachen.

"Der Kai war vier Jahre alt, als er zum Team kam", erinnert sich Dirk Morfeld an den Tag des ersten Trainings von Havertz in der Bambini-Mannschaft von Alemannia Mariadorf. "Wir hatten eigentlich besprochen, keine Spieler aufzunehmen, die jünger sind als fünf, weil wir schon so viele Anmeldungen hatten."

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Kleiner Kai. foto: privat/zvg

Morfeld wollte Havertz erst gar nicht ins Team aufnehmen

Eigentlich. Wäre da nicht der 2014 verstorbene Gerd-Willi Kämmerling gewesen, der als langjähriges Alemannia-Mitglied in verschiedenen Positionen des Klubs tätig war. Kämmerling gilt als "eigentlicher Entdecker" von Havertz, wie Morfeld sagt. Der hatte da nämlich noch so einen Jungen in der Nachbarschaft: "Der würde super in die Mannschaft passen", soll er gesagt haben. Morfeld erkundigte sich nach dessen Alter: "Vier? Kannste vergessen." – Kämmerling habe aber weiter gequängelt: "Guck' dir den mal an. Der ist schnell, der ist gut am Ball."

So ließ sich Morfeld doch breitschlagen – und er wurde nicht enttäuscht: "Ich habe den Kai mittrainieren lassen und dachte: Unglaublich!" Es seien nicht einmal die fußballerischen Fähigkeiten gewesen, die Morfeld so beeindruckt hätten, sondern der Wille und der Biss des Vierjährigen.

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Großer Kai. Bild: imago images / eu-images

"Der wollte immer nur Fußballspielen und hat sich davon nie ablenken lassen, keinen Blödsinn gemacht, der war immer zielstrebig." Havertz habe sich stets hinten angestellt, sei sehr beliebt bei den Mannschaftskameraden gewesen. Morfeld kann sich nicht erinnern, dass er Havertz, damals im linken Mittelfeld des Teams gesetzt, jemals habe ermahnen müssen: "Das macht den Unterschied aus, das dachte ich damals schon."

Zwergenschießen für die Treffsicherheit

Das Talent habe er vom Opa. Der war früher selbst Fußballer, spielte als Profi bei Roda Kerkrade, und habe mit dem kleinen Kai zuhause an dessen Treffsicherheit gefeilt, indem er ihn regelmäßig Gartenzwerge von der Mauer schießen ließ.

Dennoch war Havertz in Morfelds Bambini-Siebener-Truppe damals "nie der Beste", erinnert sich sein ehemaliger Trainer, "aber er war ein wichtiger Teil." Die anderen Jungs in der Mannschaft waren ein, zwei Jahre älter, körperlich schon etwas weiter. "Da hatte er Defizite", weiß Morfeld. Aber die habe Havertz mit Wille und Aggressivität wettgemacht. "Der hat immer gekämpft wie ein Löwe, war flink wie ein Wiesel. Groß wie ein Feuerlöscher, aber total kopfballstark."

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Hungriger Kai. Bild: imago images / eu-images

Havertz fiel auf. Irgendwann kamen die Scouts. In der Region hatte es sich bei den großen Vereinen herumgesprochen, dass da bei Alemannia Mariadorf ein Knirps in einer Mannschaft mit Älteren groß auftrumpft. Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, 1. FC Köln, Bayer Leverkusen, Alemannia Aachen – alle waren sie laut Morfeld heiß auf Havertz. Bei Alemannia Aachen spielte Havertz sogar zwischenzeitlich, doch sei er dort nicht glücklich geworden, kehrte erstmal zur Alemannia nach Mariadorf zurück, wie Morfeld berichtet.

Havertz wechselt nach Leverkusen – Abitur statt Atlético

Nach insgesamt vier Jahren bei Alemannia Mariadorf schloss sich Kai Havertz schließlich der Jugendakademie von Bayer Leverkusen an. Dort wurde er zum mehrfach ausgezeichnetem Jugendspieler, zum Bundesligaspieler, schließlich zum Nationalspieler. Aber die Schule ging erstmal vor. Da zeigt sich die von Morfeld zitierte Sachlichkeit und Bescheidenheit: "Ich erinnere mich noch, als der Kai Profi wurde, sollte der mit 17 gegen Atlético in der Champions League spielen. Das hat er abgesagt, weil er für ne Abiprüfung üben musste. Man findet sicher weltweit keinen anderen Fußballer, der das machen würde. Das ist das, was ihn auszeichnet", glaubt Morfeld.

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Köpfender Kai: Havertz gewann schon Kopfballduelle in der Bundesliga, als Marc Bartra noch beim BVB spielte. Bild: imago/Jan Huebner

Die Urkunden der Fritz-Walter-Medaillen, die Havertz noch vor wenigen Jahren verliehen bekam, – 2016 Silber in der Kategorie U17 und 2019 Gold als U19-Spieler – prangen bei Alemannia Mariadorf im Vereinsheim an der Wand. Dirk Morfeld ist stolz.

Schlummert in Mariadorf schon der nächste Havertz?

Kontakt zu Havertz hatte er seit etwa zwei Jahren nicht mehr. Die alten Teamkameraden spielen zum Teil immer noch bei Alemannia Mariadorf in der Bezirksliga. Morfeld trainiert jetzt die zweite Mannschaft von Mariadorf, Kreisliga C, und kümmert sich außerdem um das Torwarttraining für die Jugendmannschaften. Ob in der Mariadorfer Jugend schon der nächste Havertz schlummert? Tatsächlich: "Einen habe ich noch auf der Pfanne", sagt Morfeld. "Da halte ich aber noch schön die Hand drüber. Kontakt mit einem Verein habe ich schon hergestellt. Kein Kai Havertz, kann aber mehr als andere". Dirk Morfeld muss es wissen. Bei Havertz hatte er jedenfalls den richtigen Riecher.

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Bild: imago images/bernd könig

Kai Havertz könnte in naher Zukunft der erste deutsche Fußballer werden, der die Ablösesummenschallmauer von 100 Millionen Euro durchbricht, wenn Bayer Leverkusen ihn ziehen lässt. Aber profitiert ein Verein wie Alemannia Mariadorf eigentlich finanziell von talentierten Jugendspielern?

"Von 100-Millionen-Transfers haben wir kleinen Vereine nicht viel", erklärt Morfeld. "Wir haben für Kai eine Ausbildungsentschädigung von Bayer Leverkusen erhalten. Außerdem gab es vom DFB Prämien, als er Nationalspieler wurde und auch für die Fritz-Walter-Medaillen sprang ein bisschen was für uns heraus." Morfeld überschlägt: "Insgesamt haben wir rund 30.000 Euro bekommen." – Von dem Geld hat der Verein unter anderem die Kabinen saniert.

Falls es in der Vereinskasse bald mal knapp wird, hat Morfeld noch ein Ass im Ärmel. Beziehungsweise ein Video in der Kiste: Exklusive Spielszenen des kleinen Kai Havertz bei Alemannia Mariadorf. "Ich habe früher öfter mal unsere Spiele gefilmt. Viele Fernsehsender hatten schon Interesse. Irgendwann verkaufe ich denen das Video – aber erst, wenn Kai Weltfußballer ist", sagt Morfeld und lacht.

Talentschmiede Mariadorf

Kai Havertz ist übrigens nicht der erste Spieler, der den Weg vom Mariadorfer Fußballplatz in den Profisport geschafft hat. Auch Hans-Peter Lehnhoff (56, spielte für den 1. FC Köln, Antwerpen und Leverkusen), Rachid Azzouzi (48/Duisburg, Fortuna Köln, Fürth) und Marvin Ajani (25/spielt seit dieser Saison bei Wehen Wiesbaden) haben als Kinder mal bei Alemannia Mariadorf gespielt.

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