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Bild: imago images / Sven Simon / chloephoto (Montage watson)

Interview

"Kein einziger Nationalspieler hat sich geäußert" – Über das fatale Schweigen nach Tönnies

Es war eine Woche voller Rassismus im deutschen Fußball. Der Chemnitzer FC schmiss seinen Kapitän Daniel Frahn aus dem Klub, weil dieser sich mit bekannten Rechtsextremen zeigte. Borussia Dortmund zog vorerst die eigenen Kommentatoren Patrick Owomoyela und Norbert Dickel aus dem Verkehr, weil diese während eines Livespiels durch eine Hitler-Imitation und "Itaker"-Sprüche auffielen. Schalke-Boss Clemens Tönnies setzte dann noch einen drauf.

Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende des Bundesligisten hatte gefordert, Kraftwerke in Afrika zu finanzieren, wenn man etwas gegen den Klimawandel tun wolle – und gab dabei ein Weltbild wieder, welches man aus Kolonialzeiten kennt: "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren." Dass Tönnies nun sein Amt als Aufsichtsratsboss beim FC Schalke 04 lediglich für drei Monate ruhen lässt, stieß auf noch mehr Kritik.

Für Robert Claus sind die Vorkommnisse in den vergangenen Tagen nicht verwunderlich. Er forscht seit Jahren zu Rechtsextremismus im deutschen Fußball. Mit watson sprach er über das fatale Zeichen des FC Schalke und erklärt, dass Rassismus nicht nur ein Problem bei den Königsblauen ist.

watson: Frahn, Owomoyela, Dickel, Tönnies: Offenbart der Fußball in nur einer Woche, wie durchsetzt er mit rassistischem Gedankengut ist?
Robert Claus: Die ganzen politischen Debatten aus der Gesellschaft spiegeln sich natürlich im Fußball wider. Was neu ist: Wir haben mit lauter Fällen zu tun, die nicht aus der Fanszene kommen. Wir alle sprechen seit Jahren viel über rechte Hooligans oder rassistische Fans, aber zu wenig über Rassismus in den Vereinen.

Muss sich das ändern?
Fast alle Maßnahmen im Fußball richten sich immer an eine diffuse Öffentlichkeit oder an die Fanszenen. Aber sowohl Spieler als auch Aufsichtsräte oder andere Vereinsmitarbeiter müssen viel stärker in den Blick genommen werden. Man merkt da wieder: Es ist sehr wichtig, das eigene Personal zum Thema Vielfalt und Antidiskriminierung zu sensibilisieren. Alle Vielfalts-Shirts und Antidiskriminierungs-Aktionen wirken in dem Moment aufgesetzt, wenn Führungspersonal sich dermaßen falsch verhält, wie es Clemens Tönnies getan hat.

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Robert Claus organisierte unter anderem den Fachtag Rechtsextremismus der DFL. Bild: www.chloephoto.de

Im Fall Tönnies fragen sich viele Fans, was schlimmer ist: Die Aussage von ihm oder die lächerliche Strafe?
Was schlimmer ist, kann man kaum sagen: Die Aussage von Tönnies war rassistisch. Das Verhalten des Ehrenrats wiederum setzt ein höchst merkwürdiges Zeichen und lässt einen ratlos zurück. Die Erklärung ist einerseits ein Widerspruch in sich: 'Die Aussagen von Tönnies seien diskriminierend, aber kein Rassismus'. Welche Diskriminierungsform soll es denn sonst gewesen sein? Andererseits ist das Zeichen an alle Fans und Mitarbeiter fatal, dass man konsequenzlos und nur mit einer symbolischen Maßnahme mit so etwas davonkommt.

Du arbeitest als Rechtsextremismus- und Fanforscher seit Jahren präventiv mit Fans zusammen. Wäre Sozialarbeit in der Flüchtlingsunterkunft eine bessere "Bestrafung" für Tönnies gewesen?
Ich halte von solchen plakativen Maßnahmen wenig. Er hätte nach dieser Aussage vor allem zurücktreten müssen. Zudem hätte er auch nicht nur über den Verein ein schriftliches Statement aus fünf Sätzen herausgeben dürfen. Hätte er sich vor eine Kamera gestellt, hätte es mehr Authentizität gehabt. Aber letztlich geht es nicht darum, ob er irgendwo Sozialarbeit leistet, sondern es geht um die Frage: Wie leben Verein und deren Funktionäre Aspekte wie Antidiskriminierung und Vielfalt vor. Da herrscht Nachholbedarf, denn es gibt in Deutschland kaum einen Klub, der diese Themen in seiner Personalpolitik verankert hat.

Der Ehrenrat, der beim FC Schalke den Fall Tönnies prüfte, besteht aus fünf älteren, weißen Menschen. Fängt es da schon an?
Es geht auch um Vielfalt in den Gremien und vor allem darum, von Rassismus betroffene Menschen ernst zu nehmen. Sowohl Cacau, als auch die ehemaligen Schalker Spieler Hans Sarpei und Gerald Asamoah meldeten sich kritisch zu Wort und sie werden damit übergangen.

FILE-In this Dec. 19, 2018 file photo Schalke boss Clemens Toennies smells steaming coal on a trolley beside the pitch prior the Bundesliga soccer match between FC Schalke 04 and Bayer Leverkusen in Gelsenkirchen, Germany. Schalke chairman Clemens Tönnies has resisted calls to resign and will instead step down for three months over comments he made last week that were widely condemned as racist. (AP Photo/Martin Meissner)

Tönnies und den FC Schalke schien der Shitstorm wegen der rassistischen Aussagen nur wenig zu beeindrucken. Bild: AP

Der FC Schalke und Clemens Tönnies sind ihrer gesellschaftlichen Aufgabe somit gar nicht gewachsen... Für den gesamten FC Schalke 04 kann man das nicht pauschal sagen, immerhin hatte der Verein als erster der Unvereinbarkeitsbeschluss in den 1990er Jahren eingeführt: Man konnte nicht zeitgleich Schalke und NPD-Mitglied sein. Aber führende Persönlichkeiten von derart großen Fußballvereinen wie Herr Tönnies haben eine gesellschaftliche Verantwortung, weil sie Massenorganisationen vorstehen. Schalke 04 ist mit fast 160.000 Mitgliedern einer der größten Sportvereine der Welt. Gesellschaftliche Verantwortung heißt mit aktuellen politischen Debatten sensibel umzugehen und sich menschenrechtsorientiert zu positionieren. Debatten über Rassismus, Migration und Klimaschutz sind seit Jahren auf der Tagesordnung und deshalb werden solche rassistischen Sprüche dem Amt des Herrn Tönnies nicht gerecht.

Vor einigen Monaten warb Schalke noch mit Antirassismus:

Was kann der Fußball nun in Zukunft tun?
Neben der Sensibilisierung der eigenen Mitarbeiter*innen, geht es vor allem um eine öffentliche und zivilcouragierte Positionierung. Ich fand es wirklich erschreckend, wie wenig Leute sich kritisch zu Wort gemeldet haben: Es waren DFL-Boss Reinhard Rauball, Julian Nagelsmann und mit Hans Sarpei, Gerald Asamoah und Cacau drei schwarze Ex-Fußballer. Ansonsten wurde Tönnies sogar teilweise in Schutz genommen. Kein einziger Nationalspieler und kein einziger aktueller Manager haben sich geäußert. Es erschreckt mich, dass aus der Führungsriege des deutschen Fußballs erstaunlich wenig kam. Man kann nicht ständig von Fans Zivilcourage fordern und dann in so einer Debatte selber den Mund halten. Ich bin gespannt, was da jetzt noch von der Ethik-Kommission des DFB kommt, die sich den Fall zeitnah anschauen möchte.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zweiundvierzig 10.08.2019 15:30
    Highlight Highlight Da sind diese Fußballer ja klüger als gedacht und wissen um die ungeliebte Realität die Tönnies ausgesprochen hat.
    Wer sich mit den Bevölkerungsprojektionen der UN und den historischen Zahlen beschäftigt der versteht was er gesagt hat.
    Ach ja National Geografic 08/2019 Bericht über Nigeria - das ärmste Land Afrikas, keine Arbeit, bisher verdoppelt, 7 Kinder pro Frau - was ist also FALSCH was er gesagt hat.

    Offensichtlich werden in Afrika sehr, sehr viele Kinder geboren, dazu ist ein "Akt" notwendig. Unterlässt man diesen - gibt es weniger Kinder (und weniger Not, mehr Umwelt) - ALSO?

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