Unterhaltung
19/ Frei.Wild, Saenger und Gitarrist Philipp Fips Burger live im Berliner Velodrom am 15.04.2018. Freiwild, Deutschrock, Hardrock, Hard Rock, Rechtsrock, Musik Berlin Deutschland, Germany *** 19 free Wild singer and guitarist Philipp Fips Burger live in the Berlin Velodrom on 15 04 2018 Freiwild Deutschrock Hard Rock Hard Rock right rock music Berlin Germany Germany Copyright: xPOP-EYEx/xBenxKriemannx POPEYE10094120

Freiwild-Sänger Philipp Burger war mal Teil der Skinhead-Band "Kaiserjäger", sang Zeilen wie "Diese Neger und Yugos werden sesshaft, doch den größten Teil der Schuld tragt nunmal ihr, weshalb hab'n wir auch dieses Gesindel hier!" Heute gibt er sich als geläutert, lässt Fans auf Konzerten "Nazis raus" skandieren. Bild: POP-EYE / Ben Kriemann

Analyse

Ein Schrei nach Liebe: Freiwild covern Ärzte und Hosen

Wie kann man eigentlich im Musikbusiness im Jahr 2019 noch aus der Masse herausstechen? Freiwild, die Deutschrockband aus Südtirol, die schon seit etlichen Jahren wegen ihrer Koketterie mit rechten Diskursen in der Kritik steht, macht das gerade vor...

Was haben Freiwild vor?

Anlässlich des in diesem Jahr stattfindenden 20-jährigen Jubiläums erscheint am Freitag, den 20. Juni, ein Freiwild-Album, auf dem die Band Songs bekannter deutscher Musiker covert:

Im Ankündigungs-Video sind Snippets aller Songs zu hören:

abspielen

Video: YouTube/Frei.Wild

Hört man sich die Snippets an, ist schnell klar: Freiwild covern die Songs eins zu eins. Die Lieder werden nicht interpretiert, sie werden zitiert, eine künstlerische Leistung – wenn man sie denn bei Freiwild finden möchte – sucht man hier vergebens.

Die Ankündigung folgt dem Prinzip "Freiwild"

Wer sich nach dem Video schon ungläubig die Augen reibt, der muss nicht lange weitersuchen. Weiter nach einem Beweis dafür, dass Freiwild das mit ihren "Lieblingsliedern" ernst meinen. Meinen sie natürlich nicht. Also schon – denn das Album wird kommen. Aber die Art und Weise, wie die Band versucht, das von Anfang bis Ende ironisch zu inszenieren, benötigt einen zweiten und auch einen dritten Blick.

Denn: Natürlich sind Bands wie Feine Sahne Fischfilet, K.I.Z. oder die Ärzte alles andere als "Lieblingsbands" von Freiwild. Ganz im Gegenteil: Sie covern Bands, die sich eindeutig gegen rechts positionieren. Bei Freiwild aber fehlt diese Eindeutigkeit.

Das Nichtabgrenzen hat bei Freiwild Prinzip. Identität ist ihr Ding. Heimat sowieso. Sie sehen sich als die Band, "die Wahrheit bringt". Bleiben immer vage, anschlussfähig und offen nach rechts. In einem ihrer Songs ("Wahre Werte") heißt es: "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat / Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk."

Dabei pflegen sie den klassischen Opfermythos. Sie sind die Unterdrückten, die Gegenkultur, umzingelt von Feinden, von "Gutmenschen" und "Moralaposteln".

Bei Freiwild-Sänger Philipp Burger klingt das dann so:

"Obwohl wir viele dieser Bands sehr schätzen, zählen wir nicht gerade zu ihren Lieblingen. Gute Lieder guter Bands, gecovert von einer 'verachtenswerten' und 'gefährlichen‘' Band wie uns – das gab es noch nie. Wir hätten es schon viel früher tun sollen. Wir möchten einmal im Leben zu den Guten gehören, das ist uns jetzt gelungen."

bild

In der Ankündigung kokettieren Freiwild genau damit: "Wir wollten endlich etwas Wahres, Schönes, Gutes tun!", heißt es. Und weiter: "Es sind Songs unserer musikalischen und menschlichen Vorbilder! Lieder mit Botschaft! Lieder für das Gute im Menschen von guten Menschen!"

Außerdem sprechen sie von einer "deutschen Moralkultur":

"Angesichts der nun vorliegenden neun Perlen deutscher Moralkultur wäre es vermessen gewesen uns größer zu machen als wir sind und gegen diese Leuchttürme anzutreten. (sic!)"

freiwild facebook

Freiwild geht es offenbar verdammt viel um "Werte", um "Moral". Die falschen "Werte", die falsche "Moral", die haben natürlich die "anderen" – denen sie mit dieser Platte so richtig eins "auswischen" wollen. Das simple Weltbild der Band besteht offenbar aus Gut und Böse.

Der ganze Facebook-Post von Freiwild:

Aus Bandkreisen ist im Übrigen zu hören, dass keine der betroffenen Bands ein Statement zu dem Cover-Album abgeben möchte, um Freiwild nicht noch zusätzliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Der Schrei nach Liebe

Schon die Ankündigung des Albums wirkt wie die Trotz-Reaktion eines Kindes, dem man die Schokolade aus der Hand geschlagen hat. Freiwild können selbst nie die "Guten" sein – sagen sie.

Burger sagt:

"Sie (die gecoverten Bands, Anm.) bekommen die GEMA-Einnahmen. Wir sind uns sicher, dass sie das durch uns eingespielte Geld spenden und nicht auf den Kopf hauen."

bild

Offenbar haben Freiwild dieses tiefe Bedürfnis, sich beweisen zu müssen. Sie covern beinahe ausschließlich unpolitische Songs von den Hosen, Feine Sahne Fischfilet oder Jennifer Rostock.

"Schrei nach Liebe" von der Ärzten ist der einzige politische Song in der Riege von Freiwild-Covern – und es ist ein verdammt politischer. Der erste politische Song von den Ärzten entstand nach den rechten Pogromen in Rostock. Er wurde so etwas wie die Hymne gegen Rechtsextremismus und immer wieder mal von Fan-Initiativen zurück in die Charts geholt.

Dass sich Freiwild ausgerechnet diesen Song in einem durch und durch ironischen Kontext zu eigen machen, ist gefährlich und folgt wieder dem Prinzip "Freiwild", Hauptsache vage und anschlussfähig nach rechts zu bleiben. Gefährlich deshalb, weil Freiwild eine Hymne gegen Rechtsextremismus für sich vereinnahmt und die Kernbotschaft des Songs der Ironie freigibt. Sie schaffen eine Zweideutigkeit bei einer Frage, bei der es keine Zweideutigkeiten geben darf. Und: Es ist eine musikalische Umdeutung, eine symbolische Zurückeroberung von etwas, das Freiwild nie gehört hat.

Wenn Freiwild künftig singen:

"Weil du Probleme hast, die keinen interessieren.
Weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist."

... dann geben sie dem Lied eine völlig neue Bedeutung.

Es bleibt die Vermutung, dass der trotzige Versuch Freiwilds, jetzt auch mal die "guten" Lieder zu spielen, am Ende auch irgendwie ein Schrei nach Liebe ist.

(Mitarbeit: Timo Stein)

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