UNSPECIFIED - UNSPECIFIED: In this handout image provided by Harpo Productions and released on March 5, 2021, Oprah Winfrey interviews Prince Harry and Meghan Markle on A CBS Primetime Special premiering on CBS on March 7, 2021. (Photo by Harpo Productions/Joe Pugliese via Getty Images)

Ein politisches Interview? Oprah Winfrey mit Harry und Meghan. Bild: Getty Images North America / Handout

Interview

Forscherin über das Interview von Harry und Meghan: "Das hat vielleicht niemand in der Royal Family rassistisch gemeint, aber es ist natürlich genau das"

Der in Gesundheitsfragen so beschlagene Karl Lauterbach (SPD) zeigte sich angesichts des Interviews von Meghan Markle und Prinz Harry bei Oprah ahnungslos. Ihn interessiere diese "Soap" nicht, verkündete er auf Twitter. Das sei ihm unbenommen, der zweite Satz allerdings macht stutzig. "Vielleicht erkenne ich auch die gesellschaftspolitische Dimension nicht", fuhr er fort.

Damit vertrat er eine Meinung, die vermutlich viele teilen. Schaut man sich die Kommentare zum Thema in Deutschland an, so gehen die meisten davon aus, dass es hier um ein Boulevard-Thema geht. Doch das täuscht. So ging es in besagtem Interview um durchaus gesellschaftspolitische relevante Themen wie Rassismus, Respekt und den Umgang von Teilen der Presse mit berühmten Frauen.

Watson hat darüber mit Sabine Hark gesprochen. Die Soziologin mit Schwerpunkten in Geschlechterforschung, feministischer Erkenntnistheorie und -kritik und Queer Theorie lehrt als Professorin an der Technischen Universität Berlin am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung.

Hark erklärt im Gespräch, warum das Interview mit Meghan und Harry sowie die dem Zugrunde liegende Vorgeschichte aus feministischer und antirassistischer Perspektive sehr wohl interessant ist, warum gerade bei den Royals Rassismus keineswegs überraschend ist und warum Meghan eine feministische Spielverderberin ist.

Bild

Professorin Sabine Hark forscht zu Gender und Feminismus. Bild: sabine hark

watson: Herr Lauterbach hat, sicher für viele stellvertretend, dem Thema Meghan und Harry die gesellschaftspolitische Relevanz abgesprochen. Sehen Sie das auch so?

Sabine Hark: Das kann ja für jedes Thema erstmal behauptet werden. Aber bei diesem Interview ist es doch in so vielerlei Hinsicht evident, was die gesellschaftspolitische Relevanz ist.

Nämlich?

Fangen wir damit an, dass eine Institution kritisiert wird, nämlich die britische Monarchie, die schon für sich genommen paradox ist: Wir haben eine demokratisch verfasste Gesellschaft, die aber formal immer noch von einer Monarchin regiert wird. Die englische Regierung ist zwar gewählt, wird aber formal von der Queen eingesetzt. Bei uns tut dies der Bundespräsident, aber es ist ja schon ein Unterschied, ob dies ein gewählter Präsident oder eine demokratisch nicht legitimierte Monarchin tut.

"Wir tun uns in Deutschland noch schwerer als in den USA oder Großbritannien, anzuerkennen, dass Rassismus strukturell und systematisch in unseren Gesellschaften existiert."

Und konkreter auf den Inhalt des Interviews bezogen?

Nun, ein aus der Royal Family Ausgeschiedener, nämlich Prinz Harry, und seine Frau thematisieren Vorgänge, die vielleicht zunächst privater Art zu sein scheinen: Wie sprechen sie innerhalb der Familie miteinander, wie wurde aufgenommen, dass sich ein potenzieller Thronfolger "bürgerlich" verheiratet? Auch das ist soziologisch ja interessant, dass das immer noch eine Rolle spielt, der Unterschied zwischen bürgerlich und adelig.

In der Tat, das wirkt nicht unbedingt zeitgemäß.

Dann handelt es sich auch noch um eine geschiedene Frau. Eine Frau, die ein bisschen älter ist als ihr Mann. Und der größte Skandal, der in diesem Interview verhandelt wird, der, der am meisten Erregung provoziert hat, ist der Rassismus-Vorwurf.

Wie beurteilen Sie diesen denn?

Ich bin überrascht, dass viele Menschen darüber überrascht sind, dass auch bei den Royals Rassismus vorkommt. Wir tun uns in Deutschland ohnehin noch schwerer als in den USA oder Großbritannien damit, anzuerkennen, dass Rassismus strukturell und systematisch in unseren Gesellschaften existiert. Das haben wir zum Beispiel letztes Jahr gesehen, als es darum ging, eine Studie zu Rassismus in der Polizei durchzuführen. Stattdessen wird nun untersucht, wo die Polizei angegriffen wird.

"Das hat vielleicht niemand in der Royal Family rassistisch gemeint, aber es ist natürlich genau das: Die Befürchtung, ein Mitglied der Königsfamilie könnte nicht weiß sein."

Und der Innenminister hat mehrfach rundweg abgestritten, dass es so etwas überhaupt geben könne.

Genau. Wir tun uns also extrem schwer damit, anzuerkennen, dass Rassismus Teil unserer Alltagskultur und letztlich in allen Institutionen präsent ist. In der Forschung gibt es einen Begriff dafür, den die Psychologin Birgit Rommelspacher geprägt hat: Dominanzkultur. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir seit Jahrhunderten gelernt haben, in Kategorien der Unter- und Überordnung zu denken, dass wir Menschen als uns entweder über- oder unterlegen einteilen.

Wie genau kommt das im Interview zum Tragen?

Meghan erzählt in dem Interview, dass es offensichtlich Befürchtungen gab, dass das Kind "zu dunkel" werden könnte, zu Schwarz. Das hat vielleicht niemand in der Royal Family rassistisch gemeint, aber es ist natürlich genau das: Die Befürchtung, ein Mitglied der Königsfamilie könnte nicht weiß sein, ist hautfarbenbezogener Rassismus. Und das ist nur dann verwunderlich, wenn wir nicht davon ausgehen, dass Rassismus allgegenwärtig ist.

Liegt der Verwunderung also aus Ihrer Sicht ein falsches Verständnis von Rassismus zugrunde?

Ja, genau. Rassismus zeigt sich eben auch in solch eher versteckten Formen der Bewertung. Außerdem: Gerade die Windsors als Adelsgeschlecht waren und sind natürlich in den britischen Kolonialismus und Imperialismus verwickelt. Wahrscheinlich beruht ein großer Teil ihres unermesslichen Vermögens auf kolonialer Herrschaft. Auch die royale Vorstellung von der "Reinhaltung des Blutes" spielt da mit hinein.

Viele weiße deutsche Eltern können sich vermutlich auch gut vorstellen, dass sie bei einer Schwarzen Schwiegertochter ähnliche Sorgen hätten.

Ja. Etwas Vergleichbares haben wir, wenn Kinder ihr Coming-Out haben. Da spielen dann Befürchtungen der Eltern eine Rolle, die Kinder könnten diskriminiert werden. Und deshalb will man es lieber nicht wissen. Das gilt für Rassismus wie für Homophobie und auch für Misogynie, für Frauenfeindlichkeit.

"Wahrscheinlich beruht ein großer Teil des unermesslichen Vermögens der Windsors auf kolonialer Herrschaft."

Welche Rolle spielte denn Frauenfeindlichkeit bei den Reaktionen auf das Interview aus Ihrer Sicht?

Dabei sind in meiner Wahrnehmung zwei Facetten im Spiel: Wie konnte Meghan selber so naiv sein?, wird gefragt. Sie hat also selber Schuld, hätte ja fernbleiben können. Und dass sie eben den unschuldigen, naiven weißen Jungen verführt und in den Abgrund zieht. Dann wird noch Oprah Winfrey miteinbezogen: Zwei Schwarze Frauen haben ein Komplott gegen die Royals geschmiedet und den weißen Jungen da mit hineingezogen.

Gerade Schwarze Frauen haben ja vielfach auch sehr verständnisvoll auf Meghans Schilderungen reagiert. Woran liegt das?

Ja, ich habe das auf Twitter auch gesehen. Viele sagen eben: Kennen wir doch alles. Genau diese Art von Erfahrungen haben wir doch alle gemacht, in Kontakt mit weißen Familien. Diese Art von Herabwürdigung. Für die ist das überhaupt nicht überraschend. Für andere Beobachter wiederum ist Meghan der "feminist killjoy", die feministische Spielverderberin – weil sie auf unangenehme Tatsachen hinweist, über Entwürdigung und, ja, Verletzung der Menschenwürde spricht. Und davon wollen viele nichts wissen. Deshalb werden die, die das aussprechen, nicht als Opfer von Diskriminierung wahrgenommen, sondern als welche, die anderen den Spaß verderben, ihnen gar Schaden zufügen.

Was folgt daraus?

Das Moment der Befreiung aus einer toxischen Verstrickung wird damit delegitimiert. Ich habe irgendwo auch gelesen, was sie sich denn anmaße, ihre Situation mit der von Lady Di zu vergleichen. Das wurde fast schon als Blasphemie gewertet. Da spielt wahrscheinlich auch die Rassismus-Komponente wieder eine Rolle. Die weiße, unschuldige Göttin. Lady Di ist das vergiftete Schneewittchen...

... und Meghan die böse Stiefmutter.

(lacht) Oder in diesem Fall die böse Stieftochter.

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