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Christian Drosten, Direktor am Institut fuer Virologie der Charite Berlin, aufgenommen im Rahmen einer Presseunterrichtung des Bundesgesundheitsministeriums zur Ausbreitung des Coronavirus. In der Bundespressekonferenz in Berlin, 09.03.2020. Berlin Deutschland *** Christian Drosten, Director at the Institute of Virology of the Charite Berlin

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Hängen Blutgruppe und Corona-Krankheitsverlauf zusammen? Virologe Christian Drosten klärt auf. Bild: imago images / Janine Schmitz/photothek.net

Verläuft Corona bei Blutgruppe A wirklich schwerer? Das sagt Virologe Drosten

Beeinflusst die Blutgruppe den Verlauf von Covid-19? Diese Vermutung lässt zumindest eine vorläufige Studie von Forschern aus Kiel und Oslo zu. Bei Patienten mit der Blutgruppe A, so das Ergebnis, scheint das Coronavirus häufiger einen schweren Verlauf zu nehmen als etwa bei Patienten mit der Blutgruppe 0.

Dabei handelt es sich allerdings um eine Preprint-Studie – eine Vorveröffentlichung also, die noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern nach dem Peer-Review-Verfahren geprüft wurde.

Können wir dennoch erste Schlüsse aus der Untersuchung ziehen? Dass die Immunantwort mit der Blutgruppe zusammenhängt, ist für Virologe Christian Drosten jedenfalls nicht sonderlich überraschend. "Wir wissen, dass Blutgerinnung bei der Covid-19-Erkrankung eine gewisse Rolle spielt, von daher ist das nicht unplausibel", sagte Drosten am Donnerstag beim "NDR"-Podcast "Coronavirus Update".

Zudem sei die Fallzahl in der ansonsten recht schnell aufgezogenen Studie relativ hoch: Insgesamt untersuchten die Forscher 4000 Menschen in den besonders betroffenen Ländern Italien und Spanien – manche waren erkrankt, andere hatten sich bisher nicht infiziert. "Es ging darum herauszufinden, ob Gene in einer erkrankten Patientengruppe häufiger vorkommen als in einer nicht erkrankten Gruppe oder in der Bevölkerung allgemein", erklärt Drosten.

Drosten spricht über erhöhtes Risiko für schweren Verlauf bei Blutgruppe A

Das vorläufige Ergebnis: Menschen mit der Blutgruppe A waren tatsächlich häufiger unter den schwer Erkrankten und benötigten beispielsweise Sauerstoff – ihr Risiko, schwer zu erkranken, war also höher als bei anderen Blutgruppen. Ihr Odds-Ratio lag in der Studie bei 1,45 im Vergleich zu 0,65 bei der am wenigsten gefährdeten Blutgruppe 0. "Das ist ein Häufigkeitsmaß, das angibt, wie viel mal häufiger unter den schwer Erkrankten Patienten mit Blutgruppe A sind", sagt Drosten.

"Patienten mit der Blutgruppe A haben also ein höheres Risiko, schwer an dieser Covid-19-Erkrankung zu leiden, also mit Sauerstoff einhergehend", bilanziert Drosten.

Müssen sich Menschen mit Blutgruppe A nun also besonders vor dem Coronavirus fürchten? Drosten – der mit Blutgruppe 0 übrigens fein raus wäre, wie er augenzwinkernd sagt – gibt Entwarnung:

"Es gibt noch eine ganze Menge anderer Faktoren, die bestimmen, ob man schwer erkrankt, zum Beispiel das Alter oder Grunderkrankungen."

Christian Drosten ndr

Trotzdem sei der Zusammenhang mit der Blutgruppe für Ärzte ein guter Hinweis, sagt Drosten: Bei einem älteren, übergewichtigen, männlichen Covid-Patienten mit Herzerkrankung, der ohnehin zur Risikogruppe gehört, würden sie bei einer Blutgruppe A vielleicht noch ein bisschen genauer hinschauen.

Hunderttausende Tote verhindert?

In seinem Podcast spricht Drosten zudem über eine weitere Studie des Imperial College in London, die berechnet, wie sich die Totenzahlen im Zusammenhang mit Corona entwickelt hätten, wenn keinerlei Maßnahmen getroffen worden wären. Anhand der tatsächlichen Corona-Toten – in Deutschland waren es zum Zeitpunkt der Berechnung 7000 – modellierten die Wissenschaftler, dass in Deutschland ohne Maßnahmen 570.000 Menschen gestorben wären.

Drosten hält diese Zahl jedoch für einen hypothetischen Wert, der so nicht aufgetreten wäre. "Man hätte ja gemerkt, dass eine Infektionsepidemie im Umlauf ist. Auch ohne spezifische politische Entscheidungen hätten die Menschen sich viel vorsichtiger verhalten und wären aus Angst zu Hause geblieben."

Interessant sei allerdings die Berechnung der Infiziertenzahlen, die in Deutschland sehr viel niedriger liegen als anderswo in Europa. "Hier sieht man mal wirklich, was wir geleistet haben in Deutschland", so Drosten.

(ftk)

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