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Natürlich und gesund? Teilweise bestehen "alternativmedizinische Wundermittel" aus ungesunden Chemikalien. Bild: getty images/montage: watson

Gefährliche Wundermittel: So bereichern sich Quacksalber an der Angst von Krebskranken

Früher war die Welt einfacher. Wer krank war, ging zum Arzt. Der wusste schon, was er tat. Schließlich hatte der studiert, war ein "Halbgott in Weiß". Heute können Patienten im Internet auf eine schiere Flut an medizinischen Informationen zugreifen. Im besten Fall kann das Patienten und Ärzte ein Stückchen weiter auf Augenhöhe bringen.

Die Flut aus seriösen, halbseidenen und völlig falschen medizinischen Informationen im Internet birgt jedoch Gefahren. Fachartikel von Medizinern stehen neben Youtube-Videos von Laien über vermeintliche Wundermittel. Einige dieser angeblichen Heilmittel der "Alternativmedizin" sind gefährlich und gesundheitsschädlich. Sie werden von einer Community beworben, die ein generelles Misstrauen in die Medizin und das Gesundheitssystem hegt.

Solche Mittel werden sogar für schwere Krankheiten empfohlen, etwa gegen Krebs. Birgit Hiller vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums hat solche Angebote schon seit rund 30 Jahren im Blick. "Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Krebs große Angst auslöst", erklärt sie. Die Heilungschancen bei Krebs haben sich in den letzten Jahren stark verbessert. Die Angst ist jedoch geblieben. "Mit dieser Angst vor Krebs lassen sich Geschäfte machen", sagt Hiller.

Im Vordergrund steht oft das Geschäft mit der Angst

Wie problematisch "alternativmedizinische" Angebote sind, hänge auch davon ab, was man sich davon erwartet. "Will man mit begleitenden, komplementären Verfahren Nebenwirkungen der Behandlung mindern? Dann sollte man sich zumindest mit den Ärzten absprechen", erklärt die Expertin. Denn auch harmlos wirkende pflanzliche Präparate könnten Schaden anrichten, weil sie zu Wechselwirkungen mit Medikamenten führen können.

Andere Mittel würden sogar als Alternative zu geprüften und wirksamen Krebstherapien angeboten. Dann wird es richtig gefährlich. Denn wer an solche Mittel glaubt, verzichtet häufig komplett auf eine geprüfte, schulmedizinische Behandlung.

Hiller sagt:

"Gerade bei solchen Angeboten steht oft das Geschäft mit der Angst im Vordergrund, nicht nur vor Krebs, sondern auch der Angst vor einer Chemotherapie oder einer Bestrahlung."

Zum Teil seien solche "alternativmedizinischen" Präparate mit einer falschen Vorstellung von Krebs verbunden, etwa der Annahme, dass Krebs eine ansteckende Infektionskrankheit sei.

Eine weitere Gruppe von Anbietern verstehe sich gar nicht als "Alternativmediziner", sondern als "Speerspitze der Forschung", sagt Birgit Hiller.

"Sie haben selbst eine Krebstherapie entwickelt, die angeblich auf modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaut. Warum sich ihre Therapie trotzdem nicht durchgesetzt hat, erklären viele mit der 'bösen Allianz aus Krebsforschung und Pharmaindustrie' – da stößt man auf regelrechte Verschwörungstheorien. Schaut man genauer hin, ist es aber mit der Wissenschaft hinter solchen Angeboten nicht weit her."

Grundsätzlich sei es bei allen Mitteln und Verfahren wichtig, darauf zu achten, ob sie wirklich wirksam sind. "Nur weil ein Mittel in Tierversuchen oder an Zellkulturen wirkt, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch beim Menschen wirkt", erklärt Hiller. Es müsse erstmal in sorgfältigen klinischen Studien überprüft werden, wie ein neues Mittel wirklich bei Krebspatienten wirkt, und dass es auch nicht schadet.

Die Liste angeblicher Wundermittel, die in Facebook-Gruppen und Youtube-Videos angepriesen werden, ist lang. Wir stellen vier solcher Mittel beispielhaft vor – und erklären, was sie gefährlich macht.

"MMS"

Die Abkürzung steht für "Miracle Mineral Supplement", auf deutsch: "Wunder-Mineralien-Ergänzung". Das klingt nach einem simplen Nahrungsergänzungsmittel, ist jedoch ein gesundheitsschädliches Chemikaliengemisch. In zahllosen Onlineartikeln und Youtube-Videos wird "MMS" als Wundermittel gegen fast jede Krankheit angepriesen. Selbst Krebs, Aids und Hepatitis ließen sich damit heilen, heißt es dort. Dafür gibt es jedoch keinerlei Beweise.

"MMS" besteht aus der Chemikalie Natriumchlorit, die vom Anwender mit einer verdünnten Säure gemischt wird. Erst dadurch würde die Chemikalie "aktiviert", sagen die Anhänger. Tatsächlich entsteht durch die Mischung Chlordioxid.

Chlordioxid wird sonst etwa zur Desinfektion, oder als Bleichmittel verwendet. Als Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel darf die Chemikalie nicht verkauft werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt: Chlordioxid kann ätzend wirken. Die Einnahme kann zu erheblichen Gesundheitsproblemen führen. Auch die Verbraucherzentrale warnt ausdrücklich vor der Einnahme von "MMS".

Der "Erfinder" des angeblichen Wunderheilmittels ist übrigens kein Arzt, sondern ein amerikanischer Ex-Scientologe und Sektengründer.

Kolloidales Silber

In Wasser gelöste, winzige Silberpartikel sollen angeblich nicht nur als "natürliches" Antibiotikum, sondern auch als Wundermittel gegen eine ganze Reihe an Krankheiten wirken. Von manchen wird es sogar zur Behandlung von HIV-Infektionen und Krebserkrankungen empfohlen. Dass dieses auch als "Silberwasser" beworbene Mittel tatsächlich einen Nutzen hat, ist nicht nachgewiesen.

Dafür sind gravierende Nebenwirkungen gut dokumentiert. Und die sehen nicht schön aus: Durch den regelmäßigen Konsum von Kolloidalem Silber kann es zu einer Grau-Blau-Färbung der Haut kommen, zur sogenannten Argyrie. Das Silber lagert sich in der Haut ein und die Verfärbungen sind dauerhaft.

Ein besonder schwerer Fall ist der des 2013 verstorbenen Paul Karason:

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Video: YouTube/OWN

Borax

Auch Borax ist ein Stoff, dem eine Wunderwirkung gegen diverse Krankheiten nachgesagt wird. Wissenschaftliche Belege für eine Wirksamkeit gibt es nicht, außerdem ist der Stoff in größeren Mengen gesundheitsschädlich.

Borax ist ein Mineral und wird in der Industrie für verschiedene Zwecke eingesetzt. Bei der Herstellung von Keramik oder Holzschutzmitteln etwa, beim Löten und Schweißen, in Putzmitteln oder als Insektengift. Aber auch in Mini-Mengen als Konservierungsstoff für Kaviar. Der Verkauf von Borax an Privatpersonen ist in Deutschland verboten.

Wenn man pseudomedizinischen Verschwörungstheoretikern glaubt, besteht dieses Verbot, um die angebliche Wahrheit zu vertuschen, dass Borax ein Wundermittel gegen Krankheiten wie Arthrose ist. Belege dafür gibt es jedoch nicht. Stattdessen gibt es Hinweise darauf, dass Borax die Wirkung der Geschlechtshormone beeinflusst und bei Männern beispielsweise die Spermienqualität verringert.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt generell vor der Einnahme von Borax.

Natron

Natron ist eigentlich ein absolut harmloser Stoff: Er wird zum Backen verwendet, gegen Sodbrennen eingesetzt und ist ein beliebtes Hausmittel mit vielen Verwendungszwecken.

Gefährlich wird Natron erst durch Behauptungen, die etwa im Internet verbreitet werden. Auch Natron wird von einigen Pseudo-Medizinern als Wunderheilmittel vor allem gegen Krebs angepriesen.

Dass Natron tatsächlich gegen Krebs hilft, ist nicht ausreichend belegt. Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg warnt außerdem: Die gleichzeitige Einnahme von Natron kann die Wirksamkeit von Medikamenten beeinträchtigen. Gefährlich wird es vor allem, wenn Patienten komplett auf echte Medizin verzichten, weil sie an die Wirkung eines vermeintlichen Wundermittels wie Natron glauben.

So lassen sich seriöse Gesundheitsinformationen erkennen

Auf seriösen Gesundheitsportalen sind sowohl die Autoren von Informationstexten, als auch deren Quellen deutlich erkennbar. Einen Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit geben außerdem Zertifikate von Organisationen wie dem "Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem" (afgis) oder der Schweizer "Health On the Net Foundation" (HON). Portale, die von diesen Organisationen zertifiziert wurden, zeigen das in der Regel durch Banner auf ihren Websites.

Informationen zu Krebserkrankungen bietet der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums auf seiner Website und unter der Hotline 0800 420 3040. Der Krebsinformationsdienst stützt sich dabei auf die aktuelle wissenschaftliche Forschung.

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